Ordnung als Auftrag: Wenn Councils die Straße an private Wächter verkaufen
Büro, Mitternacht. Der Lötzinn glüht noch, der Kaffee ist kalt. Auf dem Tisch liegen Verfügungen aus britischen Stadtverwaltungen, und die Drähte summen, als wollten sie mich warnen.
Was hier geschieht, ist keine Fußnote der Kriminalstatistik. Es ist die schleichende Privatisierung des öffentlichen Raums, vollzogen im Namen der Ordnung. Frauen in meinem Beruf haben 1937 nichts verloren, sagt man. Heute, da ich über Bewachung und Bürokratie schreibe, gilt der Satz immer noch, nur mit anderen Vorzeichen.
Councils heuern private Gruppen an, um eine wachsende Liste von Regeln durchzusetzen. Die Aufzählung der Verbote liest sich wie ein Inventar dessen, was eine Straße zur Straße macht: Betteln, Lagern, Trinken, Musizieren. Was einst Aushandlung war — ein Blick, ein Nicken, das gemeinsame Aushalten — wird zu kodifizierter Vorschrift. Aus dem öffentlichen Raum, einem kollektiven Gut, wird überwachtes Wirtschaftsgebiet.
Die Musikanten sind die ersten, die es bemerken. Busking, das Spielen auf offener Straße, galt lange als Selbstverständlichkeit britischen Stadtlebens. Ein Akkordeon unter der UBahn-Treppe, eine Gitarre am Markttag. Campaign groups kämpfen gegen die Beschränkungen. Sie argumentieren: Busking ist Teil der Meinungsfreiheit, und sie hält Straßen sicherer. Das ist kein romantischer Einwand. Es ist die Aussage, dass eine Straße mit Klang belebt ist — und eine überwachte Straße nicht.
Doch die Mechanik ist knapper und hässlicher. Die Stadträte nutzen PSPOs — Public Space Protection Orders, Verfügungen zum Schutz des öffentlichen Raums. Sie erlauben eine buchstäblich wachsende Liste von Verboten, und sie erlauben die Beauftragung privater Akteure mit der Durchsetzung. Hier beginnt das, was mich an den Drähten hören lässt: Wer kontrolliert das, wer profitiert, wer zahlt den Preis?
Die privaten Sicherheitsfirmen sind keine Helfer der Polizei im alten Sinne. Sie sind Auftragnehmer. Sie erhalten Verträge, um Verbote durchzusetzen, die der Stadtrat erlässt. Sie tragen keine staatliche Uniform im klassischen Verständnis, aber sie handeln mit staatlich übertragener Autorität. Das ist kein Randthema der Kommunalpolitik. Es ist ein Muster staatlich-kommerzieller Kontrolle, bei dem die Grenze zwischen öffentlichem Auftrag und privater Gewinnkalkulation bewusst verwischt wird.
Ich habe gelernt, die Frequenzen zu hören, die anderen zu hoch sind. Was hier hörbar wird, ist ein Dreiklang aus Verdrängung, Überwachung und Verwertung. Die Verbote treffen jene, die den öffentlichen Raum nicht als Konsumraum betreten, sondern als Lebensraum. Der Mann mit dem Akkordeon. Die Frau mit der Flasche am Abend. Beide werden zur Störung in einer Ordnung, die der Stadtrat verkauft — an wen, bleibt in den Berichten unscharf. Unklar bleibt, welche Firmen konkret beauftragt werden, welche Summen fließen, wer über die Auswahl entscheidet. Die Councils geben die Regeln vor, aber die Überwachung delegieren sie. Die Verantwortung diffundiert.
Genau darin liegt die Funktion solcher Konstruktionen. Wenn eine private Sicherheitsfirma eine Straßenmusikantin wegweist, trägt der Stadtrat keine direkte Schuld. Wenn dieselbe Firma das Trinken im Park unterbindet, ist es nicht die Polizei, die eingreift. Es ist ein Akteur zwischen Markt und Mandat, der die Uniform der Ordnung trägt, ohne die Rechenschaftspflicht des Staates. Wer profitiert? Die Firmen, die Verträge erhalten. Wer zahlt den Preis? Diejenigen, deren Verhalten nun als Vergehen gilt, das von niemandem direkt gewählt wurde.
Die Technologie, die diesen Vorgang trägt, ist nicht spektakulär. Sie ist banal und darum gefährlich. PSPOs funktionieren über die schlichte Kodifizierung von Verhalten in Datenbanken, über die Ausstellung von Bußgeldern, über die Sichtbarkeit der Verbotszonen in Karten und Anwendungen. Der öffentliche Raum wird zum überwachten Wirtschaftsgebiet, nicht durch den dramatischen Eingriff einer Kamera, sondern durch die schleichende Normalisierung dessen, was kontrolliert wird und was nicht.
Eine kleine Notiz am Rand, die nicht von der Hauptspur ablenken soll: Aus dem Umfeld der Regierung in London war zuletzt zu hören, man wolle Councils in die Schranken weisen, wenn sie das Stehen in Pubs beschränken. Es sei britisches Leben, hieß es. Schön. Aber dieselbe Mechanik, die das Stehen im Pub zurückholen soll, schickt das Musizieren auf der Straße in die Verbotsliste. Wer hier den Hebel zieht, ist nicht das Wohl der Straße. Es ist die Frage, wessen Verhalten als schützenswert gilt und wessen nicht.
1937 schrieb ich über Drähte. Heute schreibe ich über dieselben Drähte, nur heißen sie anders. Sie übertragen nicht mehr Morsezeichen von Schiff zu Hafen. Sie übertragen Verfügungen, die das Musizieren auf einer Straße in eine Ordnungswidrigkeit verwandeln. Die Frequenz ist leiser geworden. Gerade deshalb höre ich genauer hin.
Was bleibt, ist die offene Frage: Wem nützt es, wenn die Straße keine Bühne mehr ist und der Park kein Treffpunkt? Wem nützt es, wenn das Kollektive zum Kontrollierten wird? Die Antwort liegt nicht in den Verbotslisten. Sie liegt in den Verträgen, die diese Listen durchsetzbar machen.
Die Drähte summen weiter.
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