Der Algorithmus fährt mit: Fünf sterben auf der Gegenfahrbahn
Manche Tragödien tragen ihre Schuldigen schon in der Botschaft mit. Die fünf irischen Jugendlichen, die in der Nacht zum 16. August 2026 auf der falschen Seite der M9 nahe Dublin frontal in ein Auto prallten, waren nicht betrunken, nicht verirrt, nicht einmal in Eile. Sie waren — so die Garda — auf der Jagd nach Likes. Commissioner Justin Kelly sprach von einer Welle junger Fahrer, die versuchen, sich gegenseitig mit waghalsigen Manövern auf sozialen Plattformen zu übertreffen. Was als Mutprobe im Kämmerlein beginnt, wird auf den Plattformen zur Währung. Die Toten sind der Wechselkurs.
John Joe O'Connell, Vizepräsident der Garda-Vereinigung, legte nach. Ganze Gangs junger Burschen und Männer filmen ihre Begegnungen mit der Polizei, filmen Verfolgungsjagden und Geisterfahrten, um sich online zu übertreffen — russisches Roulette mit dem eigenen Leben, nennt er das. Die Polizei selbst darf Geisterfahrer auf Autobahnen ohnehin nicht verfolgen, zu groß die Gefahr für Unbeteiligte. Die Jungs wissen das. Sie wissen auch, dass die Kamera läuft. Erst Anfang August, auf Dublins Hauptringstraße, waren acht junge Burschen falsch unterwegs und rammten ein Auto; neun Menschen wurden verletzt.
Nach ersten Berichten handelte es sich bei dem Wagen der fünf Toten möglicherweise um ein gestohlenes Fahrzeug; die Teenager sollen in den Vortagen als Verdächtige in mehreren Autodiebstählen geführt worden sein. Die genauen Opferzahlen stehen ohnehin noch nicht fest. Fünf männliche Teenager sind tot, das bestätigt die Polizei. Die Insassen des entgegenkommenden Wagens — drei Frauen und ein Junge auf dem Weg zum Flughafen Dublin — schweben teils in Lebensgefahr; eine Quelle spricht von Schwestern, eine andere lediglich von drei Frauen. Bei der Beerdigung ließen Angehörige und Freunde Ballons steigen und zündeten Fackeln an. Keine Party. Kein Algorithmus. Kein Likes-Zähler. Nur Trauer.
Justizminister Jim O'Callaghan kündigte unter dem Druck der Öffentlichkeit an, eine neue Straftat für Geisterfahrten auf Autobahnen zu prüfen. Andere Politiker — die Quellen verschwimmen hier zwischen der irischen M9 und einer ominösen A66 — forderten Plattformen auf, Beiträge zu entfernen, die gefährliches Fahrverhalten verherrlichen. Ob es sich dabei um denselben Unfall handelt oder um zwei verschiedene Unglücke, die in den Agenturmeldungen ineinanderlaufen, lässt sich derzeit nicht sauber trennen. Verschwommen bleibt auch, welche Plattformen genau die Videos beherbergten. Kelly nannte keine Namen. Die Plattformen schweigen — und ihre Pressestellen schweigen mit.
Dabei ist das Muster nicht neu. Die italienische Wettbewerbsbehörde verhängte 2024 ein Bußgeld von zehn Millionen Euro gegen ByteDance, weil TikTok Kinder und gefährdete Personen nicht vor einer tödlichen Challenge schützte. Die EU verschärfte im Juli dieses Jahres ihre Untersuchung unter dem Digital Services Act; geprüft wird, ob die Empfehlungssysteme von TikTok so gebaut sind, dass sie das Engagement Minderjähriger über deren Schutz stellen. Millionen an Bußgeldern, parlamentarische Anhörungen, politische Appelle — und die Toten werden nicht weniger.
Die zentrale Frage bleibt unbeantwortet: Wer haftet? Wenn Algorithmen Verhalten in Richtung Selbstzerstörung verstärken, wenn Kameras im Wagen zur Pflichtausrüstung jugendlicher Selbstdarstellung werden, wenn jeder Drift ein Klickpotenzial hat, dann sind die Plattformen nicht mehr Vermittler, sondern Mitproduzenten. Die fünf Toten waren keine Einzeltäter. Sie waren Statisten in einer Inszenierung, deren Regisseure in kalifornischen und chinesischen Büros sitzen. Bis Verhaftungen erfolgen, bis Verantwortliche benannt werden, bis eine Plattform auch nur eine einzige Stunde vom Netz geht, bleibt diese Rechnung offen. Die Polizei ermittelt, sagt sie. Ermittelt sie gegen die Richtigen?
Mein Büro riecht heute stärker nach Lötzinn als nach Kaffee. Man hat mir einmal gesagt, eine Frau habe in diesem Beruf nichts verloren. Die Drähte summen trotzdem. Ich übersetze weiter.
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