ACHT TAUSEND OHNE NAMEN — EIN SCHLACHTER SCHWEIGT
Die Drähte summen heute anders. Aus Den Haag kommt eine Meldung, die keine ist — nur das Ende einer Akte, die nie ganz geöffnet wurde. Ratko Mladić, "Schlachter von Bosnien", ist tot. Neun Jahre nach seiner Verurteilung wegen Völkermords und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. In einem Krankenhaus, das niemand betreten darf. In einem Bett, das niemand filmen darf. Die Quellen sind sich nicht einmal über die Zahl der Toten einig, die er hinterließ — geschweige denn über sein Alter, sein Vergehen oder den genauen Ort seines Endes.
Achttausend. So steht es schwarz auf weiß in den Agenturmeldungen, so titelt die Boulevardpresse. "Achttausend muslimische Jungen", schreibt der Daily Mail mit dem Genuss des Skandals — als wären es lauter Kinder gewesen, als hätte man in Srebrenica nur Knaben geschlachtet, nicht Männer, nicht Greise, nicht Väter. Die Associated Press, nüchterner im Ton, schreibt von "Muslim men and boys" — Männern und Jungen. Zwei Versionen desselben Massakers, beide ungeprüft in die Welt entlassen, beide weiterverkauft als Wahrheit. Daily Mail reduziert auf Jungen. AP erweitert um Männer. Wer kontrolliert die Zählung? Wer hat je nachgezählt? Die Opfer haben keine Namen mehr in den Meldungen, keine Aktenzeichen, keine Gesichter — nur eine runde Zahl, bequem im politischen Gedächtnis verstaubar, bequem auf jeder Gedenktafel verwendbar.
Das ist das System, das hier zu Ende ging. Nicht Mladić starb in dieser Woche — der Prozess starb, behutsam, in einem Krankenhausbett mit Infusionen und Besuchsverbot. Ein Verurteilter, der seine Strafe absaß wie ein Pensionist seinen Lebensabend. Verurteilt 2017. Lebenslang. Quelle A sagt "convicted for genocide". Quelle B sagt "serving a life sentence". Beide meinen dasselbe, aber sie schreiben es verschieden — weil die Übersetzung von Schuld in Haft eine politische Grammatik hat. Die Lebenslange wurde ihm nicht aufgebrummt; sie wurde ihm gewährt, von einem Tribunal, das sich selbst als Erlöser inszenierte, als habe ein Urteil je einen Toten zurückgebracht.
Und nun die Frage, die niemand stellt: Wie begräbt man einen Schlächter? Mit Ehren? Ohne? Der Daily Mail lässt durchblicken, man habe ihm staatliche Ehre erwiesen — unbestätigt, ohne Quelle, ohne Beleg. Die AP schweigt. Das Schweigen ist die eigentliche Antwort. Kein Staat wird sich hinstellen und sagen: Dieser Mann, Verurteilter des Völkermords, erhält von uns das letzte Salut. Kein Staat wird es auch leugnen. Also bleibt eine Lücke, in die alle ihre Versionen werfen können — die Serben einen Märtyrer, das Tribunal einen geschlossenen Akt, die Mütter von Srebrenica einen zu früh Verstorbenen.
In Pale, der serbischen Hochburg am Rand von Sarajevo, trauert man offen. "Er wurde ermordet, in diesen Verliesen", sagt ein ehemaliger Soldat der bosnischen Serben. Ein ehrenwerter Mann, ein ehrenwerter Soldat, ein ehrenwerter Kommandeur. So sehen Verantworten aus, wenn die Tätergemeinschaft die Opfergemeinschaft überlebt. In Srebrenica trauert man anders. Munira Subasić von den Müttern von Srebrenica spricht von gemischten Gefühlen, vom Bedauern, dass er nicht länger gelitten habe. "He didn't wait for more and dream about the eyes of our children." Einunddreißig Jahre nach dem Massaker tragen die Mütter den Schmerz weiter — und mit ihnen die Töchter, die Söhne ohne Vater, die Witwen ohne Grab.
Wer profitiert von diesem Tod? Das Tribunal in Den Haag kann endlich einen Akt schließen, eine Aktenmappe ins Archiv schieben. Die internationale Justiz kann sich auf die Schulter klopfen: Seht her, wir haben ihn zur Rechenschaft gezogen. Aber Rechenschaft wofür? Für eine Zahl, die niemand verifiziert hat? Für einen Begriff — "Genozid" — der so politisch aufgeladen ist, dass jeder ihn benutzt, aber niemand ihn exakt anwendet? Das einzige Völkermord-Urteil in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg, heißt es. Stimmt das? Wer prüft das nach? Dieselbe UNO, die Srebrenica zur "Schutzzone" erklärte und dann zuschaute, wie sie zu einem Schlachthof wurde?
Die Justiz hat Mladić nicht zu Ende gebracht. Sie hat ihn verwahrt. Der Tod ist die billigste Form der Gerechtigkeit — er kostet keinen Appell, keinen Zeugen, keine zweite Instanz, keinen Aufschub. Die Familien der Opfer, die Überlebenden — sie haben keine Lebenslange bekommen. Sie haben Gräber, die niemand besucht, und Zahlen, die niemand prüft. Achttausend Jungen. Oder Männer und Jungen. Oder siebentausendachthundert. Oder mehr.
Das Schweigen über die genaue Zahl ist lauter als jeder Schuldspruch. Es ist das Schweigen einer Justiz, die ihre Akten schließt, bevor die Buchhalter kommen. Und es ist das Schweigen eines Mannes, der nie bereut hat, der nie gestanden hat, der seinen Richtern ins Gesicht brüllte und von seinen Sergen als serbischer Gott gefeiert wurde.
Ada Voss hört die Frequenzen, die andere nicht hören wollen. Heute: das Rauschen eines toten Mannes, der seine Ruhe hat — und die Lebenden, die keine Ruhe finden.
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