SECHS ZIVILISTEN. SECHZIG TOTE. WER ZÄHLT HIER WIRKLICH?
Taiz, irgendwo zwischen den Fronten. Unter meiner Redaktion raucht jemand, der Bourbon hat einen Sprung im Glas, das Licht der Cafés ist trübe — passend zu den Zahlen, die mir heute auf den Schreibtisch flattern.
Sechs Tote durch einen Raketenangriff auf einen Bus in der Stadt. So steht es in einer Quelle. Vier Tote durch einen Raketenangriff auf eine überfüllte Straße nahe Taiz. So steht es in einer anderen, nur einen Tag später. Sechzig Tote in Gefechten insgesamt, davon sechsundzwanzig Regierungssoldaten, einunddreißig Huthi-Kämpfer — und irgendwo dazwischen, eingeschlossen in einem beiläufigen "einschließlich Zivilisten", die toten Männer und Frauen auf dem Bus, auf der Straße, im Camp. Zwei Quellen, zwei Wahrheiten, ein Schlachtfeld. Wer hier noch von Statistik spricht, hat den Krieg noch nicht gesehen.
Aber der Krieg hat eine Grammatik, und die muss man lesen können. Die Houthis rücken in diesen Stunden auf al-Rahabah vor, jenes Lager im Jabal Habashi, neunzig Kilometer südlich von Taiz, in dem Abdullah Saeed mit dreihundert Familien seit vier Jahren um ein Minimum an Frieden gekämpft hat. Saeed floh schon einmal, 2022, aus Maqbanah. Er floh vor Gewehren, die nun wieder vor seiner Tür stehen. "Die Kämpfe brachen nachts plötzlich aus", sagt er. "Am Morgen waren die Frontlinien bei unserem Camp." Die Männer mit den Gewehren wechseln, die Gewehre bleiben. Die Vertriebenen bleiben.
Und genau hier beginnt die Frage, die niemand stellen will: Wem nützt das Schweigen in den Zahlen?
Sehen wir die Maschine dahinter. Die Houthis erklärten im Juli eine Seeblockade gegen Saudi-Arabien. Sie griffen Raffinerien an. Sie wollen Bab al-Mandeb — die Meerenge, durch die zehn Prozent des Welthandels fließen, das Tor nach Sues, die Lebensader für saudisches Öl, seit die Straße von Hormus seit März dieses Jahres virtuell geschlossen ist. Wer Bab al-Mandeb kontrolliert, kontrolliert den Preis an den Tankstellen in Rom, in Kairo, in Marseille. Das ist kein Stammeskrieg mehr. Das ist Geopolitik mit Kalaschnikows.
Also, frage ich — und ich schreibe diese Frage in die Luft, weil niemand sie beantworten wird —: Cui bono? Wer profitiert von einer Eskalation in Taiz, während die Waffenstillstandsvereinbarung von 2022 im Juli an einer iranischen Maschine auf dem Flughafen von Sanaa zerschellte? Wer profitiert, wenn sechzig Tote als Schlachtfeldverlust verbucht werden, sechs Zivilisten aber als Nebensatz in einer AFP-Meldung verschwinden? Ist es die Regierung in Aden, die ihre Hilfslieferungen als moralische Währung braucht? Ist es die Huthi-Führung in Sanaa, die jeden toten Zivilisten als Rekrutierungsplakat nutzt? Ist es Riad, das den Krieg als Druckmittel gegen Teheran führt? Ist es Washington, das wegsehen kann, solange der Ölpreis an den Küsten steigt?
Ich weiß es nicht. Genau das ist der Punkt.
Die Regierungstruppen haben nach eigenen Angaben strategische Höhen zurückerobert — al-Wathra, Saeed Taha, Dhiban, al-Khadira, al-Najdain. Höhen, die den al-Khazja-Markt überblicken. Höhen, die Huthi-Versorgungslinien kappen. Höhen, die in keiner Schlagzeile stehen, weil Höhen sich schlecht verkaufen. Am Freitag waren es 129 Tote — eine AFP-Zählung, die niemand überprüft. Am Donnerstag Raketen und Drohnen, dann Bodenkämpfe, "die heftigsten seit 2022", so die Beschreibung. Wer zählt 129? Wer zählt vier, wer sechs, wer sechzig? Wer zählt die dreihundert Familien im Lager, die zum zweiten Mal fliehen, weil eine Militärbasis auf einem strategischen Berg eingenommen wurde und damit "die Houthis einen Überblick über das gesamte Gebiet haben", wie mein Kollege aus Sanaa meldet?
Wer zählt die Kinder, die zwischen al-Rahabah und Maqbanah aufwachsen, ohne je einen Frieden gesehen zu haben, der älter ist als sie selbst?
Ich habe keine Faktencheck-Abteilung. Ich habe Bourbon, eine Schreibmaschine und das Misstrauen, das einem bleibt, wenn man die Grammatik des Krieges zu lange studiert hat. Was ich habe, sind Quellen, die sich widersprechen. Was ich habe, ist ein Bus auf der Heijah-al-Abd-Straße, getroffen von einer Rakete — sechs Tote und sieben Verletzte. Oder vier Tote und neun Verletzte. Was ich habe, ist eine Militärbasis auf einem Berg, eine Huthi-Offensive Richtung al-Makha, ein Ringtausch strategischer Höhen, der wie ein Schachspiel aussieht, bei dem die Bauern auf den Straßen von Taiz sterben. Was ich nicht habe, ist eine Antwort auf die einzige Frage, die zählt: Wessen Wahrheit ist diese Zahl?
Am Donnerstag, als das Bombardement begann, saßen in Sanaa Männer in Uniform auf einer Rallye und ließen sich fotografieren. Am Samstag, zwei Tage später, fuhren Regierungssoldaten auf Pick-ups durch den Hays-Distrikt, mit Gewehren auf den Knien. Zwischen diesen beiden Bildern liegen sechzig Tote. Was dazwischen liegt, ist die Wahrheit — und die Wahrheit hat keinen Pressefotografen.
Die Houthis rücken weiter vor. Die Regierung schickt Verstärkung aus Aden. Die Welt starrt auf die Meerenge, nicht auf die Toten. Und in al-Rahabah packt Abdullah Saeed zum zweiten Mal in seinem Leben seine Habseligkeiten zusammen, während seine Nachbarn — manche zum ersten Mal — mit leeren Händen fliehen. "Wir brauchen nur Stabilität", sagt er. Das ist das ganze Manifest dieser Menschen. Nicht mehr, nicht weniger.
Draußen regnet es. Evelyn singt unten im Café etwas von verlorenen Liebschaften. Ich frage mich, ob die Männer auf den Bergen zuhören. Sie hören nicht zu. Sie hören seit Jahren nicht zu.
In Taiz sterben diese Woche sechzig, vier, sechs, hundertneunundzwanzig Menschen — je nachdem, welche Zahl man druckt. Und morgen wird eine andere Zahl gedruckt. Und übermorgen eine dritte. Die Wahrheit bleibt irgendwo zwischen den Quellen liegen, erschöpft, blutend, ohne Schreibmaschine, ohne Stimme.
Ich schreibe weiter. Was bleibt mir auch anderes.
❖ Ende des Artikels ❖
