Neunundachtzig Minuten – wem nützt der Wahnsinn
Es ist Mitternacht, als das Telex läuft. Evelyn singt unten im Café etwas Trauriges, der Bourbon steht auf dem Tisch, und die Druckerschwärze riecht nach dem, was sie immer riecht: nach zu vielen Worten. Auf dem Streifen steht: Deutschland hat in Reggio Calabria gegen Italien Volleyball gespielt. Der erste Satz dauerte neunundachtzig Minuten. Sechsundsechzig zu vierundsechzig für die Deutschen. Weltrekord. Vorbereitungsturnier auf die EM. Die Spieler lagen danach auf dem Rücken und lächelten, sagt das Telex. Dass sie auch humpelten – sagen sie nicht. Sagen sie nie.
Weltrekord. Das Wort hängt im Raum wie eine Kirchenkerze, die zu lang gebrannt hat. Weltrekord für was? Für einen Satz, der kein Satz mehr war? Für dreiundvierzig nicht genutzte Satzbälle – achtundzwanzig davon von den Italienern, die als Weltmeister in diese Partie gingen und am Ende doch wieder als Weltmeister dastanden?
Schauen wir genau hin. Tobias Brand, achtundzwanzig, Rückennummer zweiundzwanzig, hätte den Satz schon nach einer halben Stunde beenden können. Er schmetterte beim Stand von 24:22 ins Netz. Den nächsten gab er auch aus der Hand. Erst beim fünfzehnten Anlauf tippte der Ball über den italienischen Block ins Aus – und Deutschland hatte seinen Triumph, der keiner war. Denn danach kamen 22:25, 25:23, 22:25 und der Tiebreak mit 12:15. Zwei zu drei verloren. Über dreieinhalb Stunden für ein Match, das am Ende in der Bilanz negativ steht. Wie viele junge Knie hat das gekostet? Niemand zählt mit.
Wer fragt nach dem Preis? Der bisherige Rekord lag bei zweiundsechzig Minuten – Argentinien gegen Polen, Volleyball Nations League, erst im Juni dieses Jahres. Fünfzig zu achtundvierzig. Nun also sechsundsechzig zu vierundsechzig, eine Schlagzeile, die morgen in jedem Sportressort auftauchen wird und in jedem Fall verschweigen wird, was sie wirklich gekostet hat. Schultern, die morgen nicht mehr hochgehen. Bandscheiben, die irgendwann in den Praxen der Orthopäden landen. So sehen die Siege der Jungen aus: sie bezahlen, was die Alten ihnen vorgeben. Massimo Botti, Bundestrainer und selbst Italiener, sagt: „Verrückt. Eigentlich haben wir heute ein ganzes Spiel in einem Satz gespielt." Johannes Tille sagt: „Mental und körperlich war man irgendwann ziemlich fertig." Brand sagt: „Unfassbar." Alle sagen es. Aber wer hat das bestellt?
Betrachten wir die Architektur. Es ist eine Vorbereitung. Ein Test. Eine Generalprobe vor der Europameisterschaft in Bulgarien, Finnland, Italien und Rumänien, die am neunten September beginnt. Ein Test, bei dem 4.400 Zuschauer im PalaCalafiore Abendunterhaltung geboten bekommen – und bei dem die Spieler drei Sätze und den halben fünften verheizen, bevor der Ernst überhaupt anfängt. Was für ein Test. Was für eine Vorbereitung. Was für ein System, das seine Soldaten warm laufen lässt, indem es sie im Kreis schickt.
Und sehen wir die Sprache. Sie ist kein Nebenschauplatz. Sie ist das Schlachtfeld, auf dem die Meldung gewonnen wird. „Die deutschen Volleyballer" – so steht es überall geschrieben. „Die Spieler", „die Außenangreifer", „die Bundestrainer". Maskulin, immer maskulin. Eine Sprache, die oben formuliert und unten verordnet wird. Gendersprache ist eine Machtfrage, sagt man mir. Sie ist die Machtfrage – wer spricht, wer geschrieben wird, wer auf dem Feld steht und wer an der Seitenlinie bleibt. Wer den Satz gewinnt und wer ihn verliert, das beginnt schon beim Wörtchen, das nie fällt.
Was bleibt? Eine Zahl: neunundachtzig. Ein Punktestand: 66 zu 64. Eine Schlagzeile, die morgen früh in den Kneipen diskutiert wird. Vierundzwanzig Stunden Aufmerksamkeit für einen Test, der mit einer Niederlage endete. So sieht der Zirkus aus, den sie uns als Ernst verkaufen.
Der Regen klopft gegen die Scheibe. Evelyn hat aufgehört zu singen. Das Telex schweigt. Aber morgen läuft wieder eines, mit der nächsten Sensation, dem nächsten jungen Mann, der sich verbrennt, damit eine Schlagzeile glüht.
Die Maschine schläft nie. Und niemand fragt nach den Knien, die sie bricht.
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