Denkfabrik Schule am Kipppunkt: Zwischen KI-Zwang und Verdummung
Manche Rätsel stehen in keiner Akte, und trotzdem riecht man sie. Hier ist eines: Dieselben Lehrkräfte, die generative Künstliche Intelligenz für unverzichtbar erklären — 89 Prozent, sagt die Branche —, fürchten zugleich für 42 Prozent, dass diese Maschinen den Schülerinnen und Schülern das Denken aushöhlen. Beides, sagen wir es deutlich, kann nicht zugleich wahr sein. Es sei denn, die Wahrheit liegt nicht in der Technik, sondern in der Frage, wer sie wem verordnet. In wessen Händen, fragt man in diesem Hause immer.
Florian Nuxoll aus Tübingen kennt beide Seiten des Drahtes. Er ist einer der führenden KI-Bildungsexperten des Landes, ein Mann, der seit drei Jahren mit Maschinen experimentiert, die so tun, als wüssten sie alles. Wenn er vor die Klasse tritt, sagt er als Erstes: Alles weg. Kein Display, kein Chatbot, kein Netz. Analoges Lernen, weil seine Schüler den Lernprozess nicht mehr durchlaufen. Sie durchdringen den Stoff nicht mehr, sagt er, weil eine Maschine ihnen das Durchdringen abnimmt. Das ist die Diagnose eines Mannes, der das Werkzeug erfunden hat und nun vor seinem eigenen Patienten steht. Wer das Lernen verliert, verlernt das Lernen.
In Oslo hat man diese Diagnose ernst genommen. Norwegen, einst das Vorzeigeland der digitalen Bildung, hat in diesem Sommer als erstes Land die Reißleine gezogen. Vor dem 14. Lebensjahr ist generative KI in der Schulzeit kategorisch verboten. Von 14 bis 16 darf sie nur unter strenger Aufsicht genutzt werden. Erst in der gymnasialen Oberstufe soll gezielt KI-Kompetenz vermittelt werden, um auf Hochschule und Arbeitswelt vorzubereiten — nicht früher. Norwegen sagt: Erst das Lernen, dann das Werkzeug. Eine ketzerische Reihenfolge in einer Zeit, die alles gleichzeitig will.
Berlin sagt das Gegenteil. In diesem Schuljahr zieht ein datenschutzsicherer Chatbot in alle Klassen. Vierzehn Bundesländer stellen das System bereit, getauft auf den schönen Namen AIS — Adaptives Intelligentes System. Entwickelt vom Medieninstitut der Länder, finanziert aus Mitteln des ersten Digitalpakts. Hamburg und Sachsen folgen in den kommenden Monaten. Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern setzen auf Fobizz, eine alternative Plattform, ebenfalls datenschutzsicher. Der Name klingt nach Schutz. Das Wort kommt aus der Schublade derer, die Datenströme ordnen wollen, bevor sie zu Befehlen werden. Doch Schutz wovor — und für wen?
Dahinter liegt ein Zwang, der nicht auf dem Stundenplan steht. KI zwingt dazu, Schule neu zu denken, heißt es. Aber wer zwingt hier wen? Ist es die Technologie, die keine Wahl lässt? Oder ist es ein politischer Konsens, der sich als Sachzwang verkleidet, weil niemand als rückständig dastehen will? Deutschland geht einen anderen Weg als Norwegen, heißt es stolz in den Pressemitteilungen. Aber „anderer Weg" klingt nach Aufbruch und meint oft nur, dass man das Verbot durch die Anwendung ersetzt hat. Man nennt es Fortschritt, solange niemand nach den Kosten fragt.
Die Kosten stehen in den Köpfen. 42 Prozent der Lehrkräfte fürchten eine Verdummung der Schüler. Sie sagen es nicht laut; sie sagen es in Umfragen, zwischen Tür und Angel. Wer soll es auch sonst sagen? Schulministerien, die das System bereits eingekauft haben? Auftragnehmer wie das FWU, das aus dem Digitalpakt bezahlt wird und nun den Lehrkräften erklärt, wie das eigene Produkt zu benutzen ist? So entstehen Abhängigkeiten, die keine Unterschrift brauchen. Man liefert das Werkzeug gleich mit dem Schulungsmaterial — und mit dem schönen Versprechen, dass Schülerinnen und Schüler kritisch denken lernen statt nur zu konsumieren. Leitfäden gibt es zuhauf. Die Praxis ist ein anderes Kapitel.
Es gibt ein deutsches Wort für das Lernen aus dem, was schiefging. Sandra Hüller, die in diesen Tagen in „Vaterland" als Erika Mann durch die Trümmer der Nachkriegszeit fährt, spricht es in jedem Interview aus, ohne es zu benennen: Schuld. Hüller spielt eine Frau, die mit ihrem Vater Thomas Mann von Frankfurt in die sowjetische Besatzungszone reist, nach Weimar. Die Häuser liegen in Trümmern, die Kunst lebt noch, aber auch die Ideen der Täter leben weiter. Hüller sagt: Ich fühle mich jeden Tag schuldig. Das ist kein theatralischer Satz. Es ist das Eingeständnis einer Generation, die versteht, dass Werkzeuge nie neutral sind. Auch das Lernen ist ein Werkzeug. Wer es gestaltet, gestaltet Köpfe. Wer es abgibt, gibt Köpfe ab. Und wer zulässt, dass eine Maschine das Denken vorformt, bevor das Denken überhaupt begonnen hat, der wiederholt eine alte Lektion unter neuer Technik.
Man muss die Drähte kennen, um zu hören, was auf ihnen läuft. Hier laufen zwei Frequenzen parallel. Auf der einen sendet die Politik den Befehl zur Anpassung: macht die Schule fit für das Zeitalter der KI. Auf der anderen senden die Lehrkräfte den Hilferuf: passt auf, was ihr da anschaltet. Wer zwischen diesen Sendungen sitzt — Ministerien, Anbieter, Berater —, hat kein Interesse daran, dass beide Seiten einander hören. Denn dann müsste man entscheiden. Und Entscheiden heißt hier: entweder das System zurückziehen oder eingestehen, dass man Bildung einem Lieferanten überlässt, der im Halbjahrestakt aktualisiert wird.
Unklar bleibt, wer in drei Jahren die Testergebnisse der norwigischen Schüler mit denen der deutschen vergleicht. Unklar bleibt, welche Konsequenzen gezogen werden, wenn das Experiment misslingt. Klar ist nur, dass Nuxoll heute schon weiß, was viele morgen erst begreifen werden: dass der Lernprozess nicht darin besteht, eine Antwort zu bekommen, sondern eine Frage aushalten zu lernen. Eine Maschine kann Letzteres nicht. Sie kann nur so tun.
Die Drähte summen weiter. Ich übersetze weiter.
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