Bis nur noch einer steht – das Geschäft mit dem letzten Atemzug
Der Regen klopft seit drei Tagen gegen die Scheibe. Evelyn singt unten im Café etwas über verlorene Liebe. Mein Bourbon ist warm geworden, und ich frage mich, warum ich schon wieder über Menschen schreibe, die freiwillig rennen, bis ihnen die Nieren abschalten.
Der Last Soul Ultra ist kein Rennen. Er ist ein Opfer mit Startnummer.
Backyard-Ultra-Format, sagen die Veranstalter. Klingt nach Garten und Kaffeekanne. Sechs Komma vier Kilometer. Alle vier Stunden. Wer nicht mehr antritt, fliegt raus. Weiter, weiter, weiter. Bis nur noch einer übrig ist. 120.000 Menschen haben das im Livestream verfolgt. Eine Freiwilligkeit, die nach Pflicht schreit.
Unsere Autorin war dabei, schreibt der Spiegel. Unsere Autorin hat zugesehen, wie Körper sich selbst verrieten. Das ist Journalismus im Jahre soundsoviel: hingehen, hinsehen, Absatz schreiben, heimgehen. Niemand fragt, warum wir das tun. Niemand fragt, warum wir zugucken.
Die Veranstalter fragen nicht. Die Veranstalter wissen.
Ein Rennen ohne Ziellinie ist Reality-TV 2.0, schreibt die NZZ. Ausdauersport wird extremer, spektakulärer, kommerzieller. Der Influencer läuft, bis er umfällt. Die Kamera läuft mit. Der Sponsor überweist. Der Algorithmus belohnt. So entsteht Gemeinschaft im Jahre 2026: nicht mehr am Tisch, nicht mehr im Streit, nicht mehr im Gebet – sondern im kollektiven Starren auf einen einzelnen Menschen, der sich selbst zerlegt.
Hier beginnt die Ermittlung.
Wer profitiert? WER verschweigt was?
Die Sportart ist nicht das Produkt. Das Produkt ist die Angst. Wir leben in einer Zeit, in der alles wackelt: die Demokratie, das Klima, das Konto, der Verstand. Da laufen Leute los, weil Rennen das Letzte ist, was sie noch steuern können. Sechs Komma vier Kilometer, immer geradeaus. Kein Chef, kein Markt, keine Notenbank. Nur der eigene Schritt und der eigene Atem. Bis der Atem nicht mehr reicht.
Und jetzt das Geld. Parallel. Wie ein zweiter Puls.
Bitcoin steigt in fünf Handelstagen um dreiundzwanzig Prozent. Gold klettert unterdessen auf ein Drei-Monats-Hoch, zeitweise auf 4677 Dollar je Feinunze. Im August liegt das Plus beim Edelmetall bereits bei mehr als fünfzehn Prozent – der stärkste Monatsgewinn seit September 1999, sagt die United Overseas Bank. Die Futures ziehen um ein halbes Prozent auf 4720 Dollar. Die Anleger warten auf die Rede von Fed-Chef Kevin Warsh beim Symposium in Jackson Hole. Eine falkenhafte Botschaft, heißt es bei Citi, stoppt die Rallye. Lockere Töne wären ultra-bullish. Der Dollarindex hat im August bereits null Komma acht Prozent verloren. Das macht das Metall für alle attraktiv, die nicht in Greenback denken.
Zwei Wetten auf denselben Abgrund. Beide laufen.
Der Ultraläufer und der Bitcoin-Käufer sind Brüder im Geiste. Beide ersteigern ein Gefühl, keine Substanz. Der Läufer ersteigert Transzendenz und bezahlt mit seinen Muskelfasern. Der Spekulant ersteigert Transzendenz und bezahlt mit Dollars, die er nicht besitzt. Beide hoffen auf jenen Moment, in dem die Welt stillsteht und nur noch sie zählen. Beide werden enttäuscht. Aber solange die Kurve nach oben zeigt, fragt keiner nach dem, was fehlt.
Was fehlt, ist die Frage nach den Opfern.
Rhabdomyolyse, schreibt der Focus. Muskelfasern zerfallen. Nieren versagen. Nicht als Ausnahme. Bei jedem Lauf, der die Belastungsgrenze reißt. Wie viele Läuferinnen und Läufer werden langfristig krank, um einem Algorithmus ein ordentliches Quartal zu besorgen? Niemand zählt. Niemand zählt, weil Zählen das Geschäft stört. Solange die 120.000 zuschauen, solange der Sponsor überweist, solange der nächste Influencer seine Reichweite in eine Startnummer umtauscht, bleibt das Leiden ein Nebensatz im Nachbericht. Eine Pflichtübung des Mitgefühls, zwischen Werbung und Wetter.
Gemeinschaft als Zivilisationsersatz. Das ist der wahre Befund.
Wir können einander nicht mehr halten – also halten wir wenigstens den Bildschirm. Wir können einander nicht mehr tragen – also tragen wir wenigstens die Kamera. Wir können einander nicht mehr retten – also starren wir zu, wie einer sich selbst rettet oder untergeht. Der Livestream ist das neue Lagerfeuer. Der Algorithmus ist der neue Stamm. Und das Opfer auf dem Bildschirm ist der neue Zusammenhalt: verbindlich, entsetzlich, kostenlos.
Unklar bleibt, wer das am Ende bezahlt.
Unklar bleibt, welche Versicherung greift, wenn der Körper bricht. Unklar bleibt, welche Trainingspläne welche Schäden verhindern – und wer sie kontrolliert. Unklar bleibt, ob die Veranstalter haften, wenn der letzte Läufer nicht mehr aufsteht. Unklar bleibt, ob die Aufsichtsbehörden das Format überhaupt geprüft haben, oder ob der Markt schneller war als jede Kontrolle. Unklar bleibt vor allem, warum Warsh, falls er morgen in Jackson Hole spricht, eigentlich über Zinsen reden sollte, wenn auf den Straßen und in den Depots längst etwas anderes gespielt wird.
Evelyn singt jetzt lauter. Der Regen hat aufgehört. Mein Bourbon ist kalt.
Morgen wird wieder jemand rennen, bis nur noch einer übrig ist. Und morgen wird wieder irgendein Kurs steigen, bis nur noch einer übrig ist. Und wir werden wieder zuschauen, weil das Zuschauen das Letzte ist, was uns noch verbindet.
Einer steht. Tausende liegen. So sieht Gemeinschaft aus, wenn die Seele zum letzten Preis verkauft wird.
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