Börse 1937
Terminal Tribune

8. September 2026

Dossier · Krisen & Konflikte

Neue Uniform, alte Seilschaften: Zehn Millionen für Assads Erben

8. September 2026 — Morrison, over and out.

Die Revolution hat eine neue Uniform. Aber die Kasse ist die alte.

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Hier oben in der Redaktion riecht es nach kaltem Tabak und schlechtem Kaffee, und der Regen klopft leise gegen die Scheibe, während unten im Café Evelyn etwas Weiches singt — irgendwas von Kummer und Glas. Der Fernschreiber spuckt aus. Was er ausspuckt, ist eine Beleidigung für jeden, der im Dezember 2024 dachte, mit Bashar al-Assad sei auch das System weg.

Denn das System ist nicht weg. Es hat nur die Jacke gewechselt.

Die Vereinten Nationen haben im vergangenen Jahr rund zehn Millionen Dollar an Firmen überwiesen, die nachweislich mit dem Regime des gestürzten syrischen Präsidenten verflochten waren. Das schreibt das International Consortium of Investigative Journalists nach Auswertung von UN-Beschaffungsdaten, die im Juli freigegeben wurden. Mindestens elf Firmen, einst Assad treu ergeben, durften auch nach seinem Sturz weiter Aufträge der Weltorganisation annehmen.

Shorouk heißt eine davon. Eine Sicherheitsfirma, syrisch, mit Geheimnispachtel. Während der Herrschaft Assads kassierte sie mindestens elf Millionen Dollar von den UN. Im Dezember 2025 deckte das ICIJ auf, dass Shorouk im Stillen einer Abteilung von Assads Geheimdiensten gehört — jenen Diensten, die der Westen wegen Folter und Mord an Zivilisten mit Sanktionen belegt hat. Das Geld der internationalen Hilfe floss also direkt in jene Apparate zurück, die syrische Bürger in Stücke brachen. Und 2025? Strich Shorouk weitere 1,6 Millionen ein. Nur geringfügig weniger als zuvor.

Dann ProGuard. Wieder Sicherheit. 2,2 Millionen Dollar im selben Jahr — der größte private Sicherheitsdienstleister der UN in Syrien. Unter Assad gehörte die Firma einem Geschäftsmann und Ex-Parlamentarier, den die Europäische Union und Großbritannien wegen Unterstützung des Regimes sanktionierten. Ein Geächteter des Westens, der zugleich Lieferant der Vereinten Nationen bleibt. Wer hier den Witz nicht versteht, möge weiter die Pressekonferenzen besuchen.

Die Erklärung aus Damaskus ist glatt wie frisch gehobeltes Holz. Die neuen Herren — hervorgegangen aus der einstigen Rebellengruppe HTS — hätten mit Assad-nahen Oligarchen „opake Geschäfte" ausgehandelt. Die Geschäftsleute geben einen Teil ihres Vermögens ab, dafür dürfen sie weiter arbeiten. Geheime Absprachen, im Trüben getroffen, ohne jede Rechenschaft. Das nennt man Befriedung. Das ist auch: das alte System in einer neuen Verpackung.

Shorouk, ProGuard und eine dritte Firma, al-Fajr, wurden unter das Dach einer neuen Gesellschaft gestellt: Defense Safe. Man habe die früheren Direktoren „entlassen", teilte das UN-Landesteam in Syrien mit. Defense Safe übernahm das Management, al-Fajr schluckte die meisten Shorouk-Mitarbeiter. So weit die offizielle Lesart.

Die nüchterne Bilanz: Die UN führten Verträge mit einem Nachfolger von Firmen weiter, deren Eigentümer sie selbst oder ihre Mitgliedsstaaten mit Sanktionen belegt haben. Das Geld floss. Die Strukturen blieben. Nur die Briefbögen sind neu.

Währenddessen, am 7. September 2026, verhafteten die neuen syrischen Sicherheitskräfte einen Mann namens Mohammed Ali Durgham. Einen Ex-Major-General. Die Anklage liest sich wie ein Nachschlagewerk syrischer Geschichte: Durgham soll 1982 am Massaker von Hama beteiligt gewesen sein — jener Stadt, in der Truppen unter Hafez al-Assad zwischen 10.000 und 40.000 Menschen töteten. 2011, beim Aufstand gegen Bashar, soll er in der Damaszener Umgebung den Befehl zum Schuss auf unbewaffnete Demonstranten gegeben haben. Durgham war zwischen 2009 und 2013 Feldkommandeur in der berüchtigten Vierten Division, jener Truppe von Maher al-Assad, dem Bruder des Diktators.

Verhaftung. Vertragsverlängerung. Zwei Geschwindigkeiten im selben Land.

Während ein General in Handschellen für die Ikonografie der Gerechtigkeit taugt, wandern Millionenbeträge an jene, die einst sein Werkzeug waren oder die Buchhalter kannten, die ihn schützten. General vor Kamera ist die Schlagzeile. Die Verträge stehen in Spalte zwei, klein gesetzt.

Das ist die Masche, Genossen. Man nimmt einen Sündenbock, lässt ihn vor der Kamera stolpern, und rechnet in der Zwischenzeit mit den Buchhaltern des alten Regimes die Kassen neu. Justiz als Ablenkungsmanöver. Sanktionen als dekorative Gardine. Die UN als Zahlmeister eines Wandels, der keiner ist.

Wer Defense Safe wirklich kontrolliert, ist unklar. Wer an welchen Absprachen beteiligt war, ebenso. Unklar bleibt, ob die UN von den Verhandlungen mit den Oligarchen erfuhr und schwieg, oder ob das in Genf schlicht niemanden interessierte. Was feststeht: Eine Weltorganisation, die sich Frieden aufs Wappen geschrieben hat, überweist einem Geheimdienst-Unternehmen weiter Geld, das nachweislich syrische Bürger folterte. Und tut das auch dann noch, wenn ein neuer Machthaber den alten abgelöst hat. Das ist kein Versagen. Das ist Architektur.

Evelyn singt unten noch immer. Und irgendwo zwischen Damaskus, New York und dieser Redaktion tropft das Geld weiter durch die Ritzen der neuen Ordnung.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 1 von 2 Behauptungen belegt
  1. ZITAT Companies once tied to Assad continue winning UN contracts under Syria’s new rulers

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  2. ZITAT Syria detains an ex-Assad era general accused of a bloody crackdown on protests

    „Syrian authorities have announced the detainment of an Assad-era general accused of taking part in a massacre and overseeing a bloody crackdown on protests.“ — wörtlich im Quelltext belegt

Herangezogene Quellen

2 Quellen · 1 davon belegt · 3 externe Belege · 2 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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