KIEW VOR DEM ABGRUND — UND EUROPA ZÄHLT SEINE PARZELLEN
Zweihundertsechsundzwanzig Stimmen. Benötigt. Nicht bekommen. Hundertvierundneunzig waren es am Ende — gezählt, nicht ausreichend. Dienstag, kurz nach Mittag. Saal im Kiewer Parlament. Draußen, sechster Tag in Folge, russische Angriffe auf die Hauptstadt.
Premier Sergii Koretskyi steht am Pult und sagt den Satz, den kein Reporter vergessen wird: „Wir haben 30 Milliarden Dollar. Das ist die Summe, die wir von unseren Partnern erhalten können und sollten — dieses Jahr. Vorausgesetzt, wir erfüllen die Verpflichtungen, die wir eingegangen sind." Er weiß, was das Parlament in diesem Moment tut. Er weiß, dass die IMF-Mission im Land sitzt. Er weiß, dass 27 Milliarden Dollar allein an Verteidigungsdefizit in den Büchern stehen.
Hinter der Bühne: Danylo Hetmantsev, Vorsitzender des Finanzausschusses. Seine Zahl — vier Milliarden Euro, angeblich verloren aus EU- und IMF-Tranchen — posaunt er auf Telegram in die Nacht. Auf welcher Grundlage? Unklar. Was er sagt, ist klar: „Eine finanzielle Katastrophe steht nicht vor der Tür. Sie ist bereits im Raum."
Paketsteuer. Klingt nach Beamtenlatein. Ist es nicht. Pakete unter 150 Euro fluten derzeit zollfrei ins Land. Zehn Milliarden Hrywnja — knapp 230 Millionen Dollar — sollen sie einbringen, jährlich. Klingt wenig. Ist nicht wenig. Denn ohne diesen Hebel fließt nichts aus Brüssel, nichts aus Washington. Die Reformkette, an deren Gliedern das Parlament sägt, ist die Reformkette, an deren Gliedern das Überleben hängt.
Die Abgeordneten, die mit Nein stimmen, reden von den Müttern, die billige Sendungen aus dem Ausland bestellen. Von der Lebenshaltung der Müden. Andere reden vom Schutz heimischer Produktion. Beide reden vom Volk. Niemand redet vom Defizit. Niemand redet davon, was im November, im Januar, im März gezahlt werden muss.
Draußen, in Dublin, tagen zur selben Zeit die EU-Minister. Quelle A berichtet: keine Einigung zu Sanktionen gegen israelische Siedlungen. Quelle B berichtet: eine Mission wird angekündigt. Beides steht in derselben Schlagzeile. Beides widerspricht sich. Was bleibt, ist ein Block, der sich nicht entscheiden kann, ob er Güter aus Siedlungen mit einem Stempel versieht oder nicht. Was bleibt, ist ein Block, der in derselben Woche entscheiden soll, wie viel Geld nach Kiew fließt.
Über dem Kanal, in London, laufen derweil Waren aus israelischen Siedlungen zollfrei in die Königreichshäfen. Während Brüssel debattiert, öffnet das Vereinigte Königreich die Tore. Das ist kein Zufall. Das ist eine Linie. Eine, die sagt: Prioritäten sind nicht die Euren.
Wer profitiert? Wer verschweigt? Die Architektur, die Kiew am Dienstag fallen lässt, hat zwei Säulen. Säule eins: ein Binnenmarkt, der sich gegen ein paar Euro Zoll auf ein Paket aus dem Ausland wehrt. Säule zwei: ein Außenblock, der sich nicht einigen kann, was schwerer wiegt — ein Etikett auf einem Siedlerprodukt aus der Westbank oder eine Milliarde Dollar für eine Frontstadt. Die Kiewer Abgeordneten retten die Lebenshaltung der Ihren. Die EU-Minister retten das Gesicht der Ihren. Alle retten etwas. Niemand rettet Kiew.
Unklar bleibt, wer in Brüssel eigentlich mit welcher Stimme spricht. Unklar bleibt, nach welchem Schlüssel entschieden wird, ob die nächste Tranche fließt oder stockt. Unklar bleibt, welche Telefonate zwischen Dublin, Tel Aviv und Washington parallel zu jenen zwischen Kiew und dem IWF laufen. Die Antworten kommen aus Dublin nicht. Sie kommen aus Kiew auch nicht. Sie kommen aus dem Spalt zwischen den Worten, die niemand ausspricht.
Es ist spät geworden. Das Licht aus dem Café unten fällt auf meine Schreibmaschine. Evelyn singt etwas Langsames, das ich nicht verstehe. In Kiew zählt jemand die Stunden bis zum nächsten Bombenhagel. In Brüssel zählt jemand die Tage bis zur nächsten Sitzung. Die Uhr, die für die Ukraine tickt, tickt nirgendwo sonst.
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