Flock-Augen ohne Auftrag
Albuquerque, auf den Drähten — die Depesche klingt kurios und ist es doch nur an der Oberfläche: Ein sogenannter Anti-Flock-Falke, wie er in der Bürgerrechtsszene gegen Überwachungsinfrastruktur eingesetzt wird, habe eine ganze LKW-Ladung Kameras zu Fall gebracht. Die Fracht landete vor dem Revier des Bernalillo County Sheriff's Department. Soweit die offizielle Meldung.
Was darunter liegt, ist schwerer.
Ein Mann namens Jevon Martinez, im Netz unter dem Namen „Johnvon Thechamp" unterwegs, lud in aller Öffentlichkeit Dutzende automatische Kennzeichenlesegeräte der Firma Flock Safety auf seinen Pickup und fuhr sie zum Hauptquartier des Sheriff's Department. Er filmte die Aktion, kommentierte sie, stellte sie ins Netz. Die Behörde nahm ihn fest — nicht zum ersten Mal. Bereits im Mai hatten ihn Beamte in Rio Rancho aufgegriffen, weil er Flock-Lesegeräte von ihren Masten getrennt hatte.
Sein Argument ist keine Spinnerei. Es ist eine simple Rechenaufgabe: Das Sheriff's Department habe seinen Vertrag mit Flock im Vormonat beendet. Wenn der Vertrag tot ist, sind die Kameras ohne Auftrag auf den Straßen. Was weiter an Masten hängt, ist entweder vergessen oder gewollt. Beides taugt nicht.
Flock Safety baut und vermietet diese Augen. Automatische Kennzeichenleser, im Fachjargon ALPR, registrieren jedes vorbeifahrende Fahrzeug, speichern Ort, Zeit und Kennzeichen in einer Datenbank. Das ist die Ware, die das Unternehmen an Kommunen verkauft. Das Sheriff's Department ist nur das Schaufenster. Die Währung ist das Bewegungsprofil jedes Bürgers.
Die naheliegende Frage ist die nach der Verantwortung in der Zwischenzeit. Wochenlang hingen diese Geräte nach offizieller Vertragsbeendigung weiter an ihren Masten. Niemand baute sie ab. Niemand fuhr sie ein. In dieser Zeit liefen die Sensoren weiter, sofern niemand sie abschaltete. Wohin die Daten in diesen Wochen flossen, wer sie abrief, auf wessen Anweisung — das steht in keiner Pressemitteilung. Das sind die offenen Türen, durch die der Verdacht jetzt hereinzieht.
Dass die Geräte kein Eigentum der öffentlichen Hand sind, sondern Mietware eines Privatunternehmens, macht die Sache prekär. Während der Vertragslaufzeit lag die Hoheit beim Sheriff's Department und beim Hersteller. Nach Vertragsende hätte Flock die Fracht zurückholen müssen. Geschah das nicht, dann schwebten die Geräte in einer herrenlosen Zone: niemandem gehörig, niemandem verantwortlich, aber weiter aufzeichnend. Eine Datenleitung ohne Buchführung.
Martinez sagt, sein Ärger richte sich nicht gegen die örtliche Polizei, sondern gegen Flock selbst. Das ist bemerkenswert, weil es den Finger auf die tatsächliche Struktur legt. Lokale Behörden sind Auftraggeber. Sie sind nicht die Ingenieure des Systems. Die Logik der Überwachung kommt aus der Industrie, die sie baut, vermarktet und wartet. Wer die Werkzeuge liefert, bestimmt, was sie können.
Im Land tauchen immer wieder Berichte auf, wonach einzelne Beamte solche Lesesysteme für private Zwecke genutzt haben: Ex-Partner ausfindig machen, Nachbarn beschatten, persönliche Rechnungen begleichen. Das ist nicht das Versagen eines bestimmten Geräts. Das ist die eingebaute Schwäche jedes Systems, das Bewegungsdaten in großem Stil sammelt und dessen Zugang nicht lückenlos kontrolliert wird.
Was auf dem Parkplatz des Sheriff's Department jetzt abgeladen liegt, ist also mehr als Elektroschrott. Es ist ein Beweisstück. Ein Bündel Fragen, verpackt in Metall und Glas: Wer trägt die Verantwortung für die Daten, die zwischen Vertragsende und Demontage gesammelt wurden? Wer löscht sie? Wer überprüft, ob überhaupt gelöscht wurde? Wer garantiert, dass dieselben Augen nicht morgen unter neuem Vertrag, neuem Namen, neuem Auftrag wieder an den Masten hängen?
Der Falke hat nur die Fracht gekippt. Das ist die kleinere Sache. Die größere Sache ist das Netz, das diese Fracht produziert hat. Es steht weiter unter Strom, auch wenn die Vertragstinte längst trocken ist.
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