Börse 1937
Terminal Tribune

8. September 2026

Dossier · Krisen & Konflikte

Fünf Raketen und das große Schweigen

8. September 2026 — Morrison, over and out.

Madrid sagt fünf. Athen sagt nichts. Brüssel sagt: bald. Kiew sagt: wir sterben jetzt.

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So sieht der Stand der Dinge aus in diesem September, der sich anfühlt wie jeder andere September seit dem großen Knall. Die Zahlen, die wir haben, sind keine Zahlen. Sie sind das Fehlen von Zahlen. Und genau darin liegt die Geschichte, meine Damen und Herren.

Bloomberg hat dieser Tage berichtet, was in jedem Salon zwischen Madrid und Athen längst geflüstert wird: Spanien und Griechenland sitzen auf Patriot-Beständen, die Kyiv braucht wie die Luft zum Atmen. Besonders die PAC-2-Abfangraketen aus den Lagern sind das gesuchte Gut — ältere Stücke, deren vorgesehene Lagerungsdauer sich dem Ende zuneigt, theoretisch also schnell übergabefähig. Spanien hat für dieses Jahr fünf Stück zugesagt. Fünf. Athen hüllt sich in Schweigen und verweist auf die Türkei, diesen uralten Vorwand aus dem Fundus der Bequemlichkeit.

Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas hat vor dem informellen Treffen der Außen- und Verteidigungsminister im irischen County Wicklow Worte gesprochen, die wie Druck klingen und doch keiner sind. Sie bat. Sie erinnerte. Sie ermahnte. Die Minister hörten zu, tranken ihren Tee, rauchten ihre Zigaretten, flogen nach Hause. Madrid und Athen — kein Kommentar. Weder Regierung noch Verteidigungsministerium wollten den laufenden Vorgang bestätigen. So spricht Schuld in Uniform.

Was hier gespielt wird, ist eine Inszenierung europäischer Solidarität, deren Vorhang so dünn ist wie das Papier, auf dem diese Versprechen gedruckt stehen. Der Plan, den Brüssel verfolgt, hat etwas von Finanzakrobatik: Norwegen soll die Raketen aus spanischen oder griechischen Beständen kaufen und an die Ukraine weiterreichen. Drei Hände, die dasselbe Stück hin- und herschieben, damit niemand selbst die Verantwortung tragen muss. Es ist der gleiche Trick, den schon die Römer kannten, als sie Provinzen an Verbündete verkauften, um sie nicht selbst opfern zu müssen. Die Mechanik der Entledigung ist uralt. Nur die Flugabwehrraketen sind neu.

Die Ukraine hat derweil eigene Pläne, und die sind nicht höflich. Präsident Selenskyj kündigte Anfang September eine groß angelegte Drohnenkampagne gegen den russischen Luftraum an. "Die sicheren Tage am Himmel über Russland sind vorbei", sagte er. Erste Fluggesellschaften haben Flüge nach Russland bereits eingestellt. Die sogenannte Operation "Carpet" läuft seit Frühjahr 2025 — Drohnen zwingen russische Behörden zu vorübergehenden Sperrungen, ohne die Flughafeninfrastruktur zu beschädigen. 217 Sperrungen zwischen Januar und Mai 2025, registriert von der russischen Luftfahrtbehörde Rosawiazija selbst. Das ist keine Strategie mehr. Das ist Belagerung. Das ist die Antwort eines Landes, dem die Patronen ausgehen.

Und genau hier wird das Schweigen der Südeuropäer zum Skandal. Während Kyiv mit Drohnen den Himmel über dem Feind unsicher macht, halten Madrid und Athen die Raketen zurück, die ukrainische Städte vor dem Beschuss schützen sollen. Spanien hat für 2026 eine Militärhilfe im Umfang von einer Milliarde Euro angekündigt — Geld, das ankommt, wenn der Winter vorbei ist und die Toten begraben. Athen hat bereits Munition geliefert, nur keine Patriots. Athen hat immer einen Grund. Die Türkei. Immer die Türkei.

Deutschland und andere europäische Staaten scheuen weitere Abgaben, weil sie ihre eigene Verteidigungsfähigkeit schwächen könnten. Das ist verständlich. Es ist auch feige, mit Verlaub. Die Vereinigten Staaten haben ihre Bestände durch den Krieg gegen Iran belastet — ein weiteres Pulverfass, das niemand auf dem Zettel haben wollte. Und über allem schwebt die Frage: Wieviel ist eigentlich noch da? Wieviel PAC-2 liegt tatsächlich in den Depots, wieviel davon am Ende der Lagerzeit, wieviel davon einsatzfähig? Niemand sagt es. Niemand will es sagen. Das Schweigen ist die Antwort.

Was bleibt? Ein Darlehen von neunzig Milliarden Euro, über dessen Verwendung am Montag abgestimmt werden soll. Patriot kaufen, oder das europäische System SAMP/T? Frankreich und Italien wollen lieber europäisch. Patriot oder SAMP/T? Patriot oder warten? Patriot oder das nächste Kapitel im großen europäischen Verschleppungsroman?

Wer profitiert vom Schweigen? Das ist die Frage, die diese Redaktion seit Tagen stellt. Madrid kauft Zeit, Athen kauft sich frei, Brüssel kauft sich heilig. Kiew kauft nichts. Kiew bezahlt. Und während wir das schreiben, geht in Kiew wieder das Licht aus.

Nur damit es in diesen Tagen niemand vergisst: Die Versorgung in Deutschland mit Weizen und Getreide ist nicht gefährdet. Das nur nebenbei, weil manche Leser das wissen wollen in Wochen wie diesen. Es hilft nur nichts gegen die Raketen, die nachts über ukrainische Städte einschlagen.

Fünf Raketen hat Spanien zugesagt. Unklar bleibt, wann sie ankommen. Unklar bleibt, was Athen liefert. Unklar bleibt, wie viele PAC-2 tatsächlich in den Lagern liegen und wie viele davon das Ende ihrer Lagerungsdauer erreichen, bevor sie irgendwo ankommen. Diese Unklarheit ist der Kern der Geschichte. Nicht die fünf Raketen. Die Unklarheit.

In dieser Redaktion glauben wir seit langem, dass die Wahrheit nicht in den Zahlen liegt, sondern in der Art, wie sie verschluckt werden. Europa hat viel zu sagen über Werte, über Solidarität, über die regelbasierte Ordnung. Was es nicht hat, sind Raketen. Oder den Mut, sie wegzugeben.

Die Drohnen über Russland fliegen längst. Die Frage ist nur, was in den Depots von Madrid und Athen noch liegt, wenn der erste Schnee fällt.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 0 von 1 Behauptung belegt
  1. ZITAT Die Versorgung in Deutschland ist nicht gefährdet.

    die vorgeschlagene Belegstelle steht so NICHT im Quelltext und wurde deshalb verworfen; das ist eine Aussage ueber den Vorschlag, nicht ueber die Quellenlage

    vorgeschlagene Belegstelle verworfen, weil so nicht im Quelltext: „""“

Herangezogene Quellen

5 Quellen · 0 davon belegt · 4 externe Belege · 1 prüfbare Behauptung

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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