Börse 1937
Terminal Tribune

8. September 2026

Dossier · Krisen & Konflikte

Die große Ruhe - und was sie verschweigt

8. September 2026 — Morrison, over and out.

Rauch hängt in der Redaktion wie ein nasser Mantel. Evelyn singt unten im Café etwas von Liebe, die nicht zurückkommt. Ich starre auf das Telegramm aus Jackson Hole, und was da steht, klingt zunächst beruhigend. Kevin Warsh, neuer Chef der Federal Reserve, spricht von "relatively low turnover" im Arbeitsmarkt, als wäre das eine Erfolgsmeldung. Als hätten wir endlich, endlich die ewige Unruhe der Nachkriegszeit gezähmt.

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Blicken wir genauer hin.

Warsh sagt, das sei "partly a result of the significant rematching between employers and employees that happened at scale in the post-pandemic environment". Schönes Wort, rematching. Wie ein Kartenspiel, das neu gemischt wurde. Wer will da widersprechen? Wer will sagen, dass das Deck gezinkt ist?

Die Geschichte, die Warsh erzählt, geht so: Nach der Pandemie gierten die Firmen nach Arbeitern, warfen Geld auf den Tisch, lockten mit höheren Löhnen. Die Leute sprangen von Job zu Job, von Branche zu Branche. Irgendwann, so die offizielle Lesart, fanden Arbeitnehmer ihren Platz, fanden Arbeitgeber ihren Match. Alle setzten sich hin. Die Hektik verebbte. Der Markt beruhigte sich.

Wer so redet, hat die JOLTS-Daten des Bureau of Labor Statistics gelesen. Die Zahlen vom Juli, die am Tag nach Warshs Auftritt rauskamen, sind sein Beleg. Freiwillige Kündigungen, die größte Quelle jeder Bewegung, sanken um 157.000 auf 3,06 Millionen. Der Dreimonatsdurchschnitt allerdings kletterte auf 3,14 Millionen. Sechzig Prozent aller Trennungen sind diese freiwilligen Abgänge. Wer nicht geht, der lässt keine Lücke, die gefüllt werden muss.

Entlassungen fielen auf 1,67 Millionen, ein Rückgang um 106.000 gegenüber dem Vorjahr. Der Durchschnitt blieb bei 1,74 Millionen, am unteren Ende der Vorpandemiezahlen. Ein Drittel aller Trennungen. Ruhig. Still.

Und die "anderen Trennungen", Pensionierungen, Tote im Dienst, sieben Prozent, 350.000 im Juli, der Zwölfmonatsschnitt bei 314.000, kriechend hoch von einem Fünfundzwanzigjahrestief im Jahr 2025.

Schöne Zahlen. Sauber sortiert. Beruhigend.

Aber das ist genau die Art von Statistik, die ich nicht traue.

Denn Warsh erzählt uns eine Geschichte von Leuten, die sesshaft wurden, weil sie ihren Traumjob fanden. Das klingt wie ein Hollywood-Ende. Die CBS-Leute haben dem Ganzen einen Namen gegeben: "Job Hugging". Mitarbeiter klammern sich an ihre Stelle, sagt ADP-Chefökonomin Nela Richardson, Arbeiter und Arbeitgeber "sticking together".

Klammern. An Stellen, die sie nicht verlassen.

Fragen wir uns, warum jemand klammert. Ist das Zufriedenheit? Ist das Sicherheit? Oder ist das die Angst, dass der nächste Schritt ins Leere führt?

Warsh sagt, die großen Sprünge der Jahre 2021 und 2022 hätten ein "rematching" bewirkt. Aber dieses Rematching lief, während die Leute noch von den staatlichen Hilfsgeldern der Pandemie zehrten, so steht es im Bericht selbst, "extra government money for not working". Wer also nicht sprang, weil das Geld weg war, der ist nicht "gematched" worden. Der ist nur auf dem Trockenen sitzen geblieben.

Die Frage, die uns der Fed-Chef schuldig bleibt: Wer hat eigentlich aufgehört zu wechseln, weil er wechseln konnte - und wer hält still, weil er nicht wechseln kann?

Wenn die Entlassungen unten sind und die freiwilligen Kündigungen auch, dann ist das auf den ersten Blick ein Markt des Friedens. Aber ein Markt des Friedens kann auch ein Markt sein, in dem die Tür nach draußen zugemauert wurde. Wer seinen Job verliert, findet keinen neuen. Wer wechseln will, sieht keine besseren Angebote. Wer kündigt, weiß, dass er drei Monate später immer noch auf dem gleichen Fleck sitzt - oder schlechter.

Die JOLTS-Daten messen nicht, warum die Leute bleiben. Sie messen nur, dass sie bleiben. Der Grund bleibt im Dunkeln.

Und hier beginnt meine Ermittlung.

Drei Spuren, die Warsh nicht verfolgt.

Erste Spur: Die "anderen Trennungen" steigen. Pensionierungen und Tote im Dienst kriechen von ihrem Fünfundzwanzigjahrestief nach oben. Das ist nicht "beruhigt". Das ist eine Generation, die abtritt, ohne dass jemand Neues nachrückt. Wer geht da raus, und wer bleibt auf der Strecke?

Zweite Spur: Die offenen Stellen stiegen im Juli um 89.000, so steht es im Bericht. Aber wenn die Leute nicht springen, wie sollen diese Stellen gefüllt werden? Entweder die Firmen suchen weiter, weil nichts vorangeht. Oder die Stellen werden gestrichen, ohne dass es in den Zahlen als Entlassung auftaucht. Beide Pfade führen in eine Sackgasse, und Warsh schweigt.

Dritte Spur: Wo sind die Löhne? Wenn das Rematching wirklich funktioniert hat, müssten die Stundenlöhne der Zurückgebliebenen jetzt über dem liegen, was sie 2022 bekamen. Tun sie das? Warsh sagt es nicht. Das Rematching war einseitig. Wer den Jackpot zog, hat ihn gezogen. Wer blieb, hat vielleicht eine Mini-Erhöhung bekommen. Das nennt man Stabilität. Aber Stabilität für wen?

Seeking Alpha greift die Daten auf, Universe News Network schreibt sogar, Warshs Lesart sei "not a weakness". Mag sein. Aber eine Schwäche, die als Stärke verkauft wird, ist immer noch eine Schwäche.

Ich sage es deutlich: Wer von einem "beruhigten Arbeitsmarkt" redet, während gleichzeitig die Bewegungsdaten sinken und die Generationenwelle anrollt, der verkauft uns das Schweigen als Frieden. Das ist nicht Neutralität. Das ist ein Framing. Und Framing ist das, was ich den Mächtigen vorwerfe, seit ich diesen Beruf habe.

Wenn Evelyn aufhört zu singen und die Redaktion still wird, dann heißt das nicht, dass nichts passiert. Es heißt, dass etwas passiert ist, das wir noch nicht gehört haben.

Morgen schreibe ich über die zweite Seite der JOLTS-Tabellen. Über die 89.000 offenen Stellen, die niemand zuordnen will. Über das Rematching, das keiner mehr bezahlt.

Bis dahin: Glauben Sie keinem, der Ihnen Ruhe verspricht. Fragen Sie, wessen Ruhe das ist.

❖ Ende des Artikels ❖

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