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Terminal Tribune

10. September 2026

Dossier · Krisen & Konflikte

Inszenierung am Ground Zero: CBS, Sharpton und das Drehbuch zum 11. September

10. September 2026 — Morrison, over and out.

Der Bourbon in der Schublade ist alt. Die Schreibmaschine ist es auch. Evelyn singt unten im Café, irgendwas von einem Mann, der nicht heimkommt. Es passt.

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Vor mir liegen zwei Telegramme. Beide tragen das Datum September 2026. Beide handeln vom 11. September. Beide sind, jeder auf seine Weise, ein Skript.

Das erste Telegramm kommt aus New York. Reverend Al Sharpton — ein Mann, der in dieser Stadt nicht erst seit gestern mit antisemitischen Protesten in Verbindung gebracht wird — schreibt auf X, jeder, der die Anwesenheit von Bürgermeister Mamdani bei der Gedenkfeier zum 25. Jahrestag beanstande, sei von „anti-muslimischer Bigotterie" motiviert. Das ist seine Wortwahl. Nicht meine.

Was Sharpton unterschlägt: Über 100.000 Menschen haben eine Petition unterzeichnet, die das Gegenteil sagt. Mamdani habe den Stift, mit dem er die 9/11-Proklamation unterzeichnete, einem Anwalt überreicht, der Al-Qaida-Terroristen verteidigt hat — wie unter anderem der „Ultra MAGA Joyce Day", deren Mutter zu den fast 3.000 Toten zählte, unmissverständlich formulierte. Ob das ein Versehen war oder eine Botschaft — das bleibt offen. Der Stift wechselte den Besitzer. Die Familien haben es registriert. Kommentatoren wie Michael Rapaport oder Tony Katz stellten dieselbe Frage, nur ohne das Vokabular der Empörung.

Soweit das eine Drehbuch.

Das zweite Telegramm kommt aus Detroit, genauer: aus den Redaktionsräumen von CBS News. Dort sitzt, wie The Intercept rekonstruiert, Bari Weiss an den Hebeln. Der CBS-Reporter Zak Hudak veröffentlichte einen Artikel über angeblich „gelöschte Tweets" des demokratischen Senatskandidaten Abdul El-Sayed, die das Netzwerk umgehend in eine 9/11-Geschichte umdeutete. Weiss habe die Geschichte in einer Redaktionskonferenz persönlich gelobt, sie „dem gesamten Netzwerk" ans Herz gelegt — und, so das Branchenblatt Status, „persönlich die Schlagzeile mitdirigiert", damit der 11. September ausdrücklich im Titel steht.

Das ist Mechanik. Kein Zufall.

Was CBS wegließ, und das ist die Stelle, an der jeder ermittelnde Leser stutzen sollte: Zwei der drei inkriminierten Posts waren Aufrufe, die Covid-19-Toten ähnlich ernst zu nehmen wie die Anschläge von 2001. Das war damals keine Außenseiter-Position. Gouverneur Andrew Cuomo tat im selben Monat, in derselben Stadt, genau dasselbe. Niemand nannte Cuomos Worte eine Affäre. Niemand strich sie aus dem Archiv. Ein dritter Post war der schlichte Satz: „We could save lives rather than take them." Das könnte auch in einer Sonntagspredigt stehen.

El-Sayeds Kampagne erklärte gegenüber Politico, alle Posts vor Juli 2023 seien gelöscht worden, „damit alte Beiträge nicht aus dem Kontext gerissen werden können." Standardprozedur. Jonathan Chait von der Atlantic nannte die ganze Geschichte eine „non-story" — ein Bericht, der keiner ist, bis jemand die Bühne baut.

Hier beginnt die Ermittlung.

Wer profitiert? Auf der einen Seite die Wiederbelebung einer „Anti-Muslim"-Rahmenhandlung, genau zum 25. Jahrestag — ein Datum, an dem Aufmerksamkeit gratis geliefert wird. Auf der anderen Seite ein Bürgermeister, dessen Anwesenheit am Memorial ohnehin unter Beschuss steht, jetzt flankiert vom Argument: Wer ihn kritisiert, ist ein Bigotter. Die Petition der Familien? Beiläufig. Der Stift? Beiläufig. Die Tatsache, dass andere 9/11-Familien — wie CBS in einer eigenen Meldung berichtete — Mamdanis Teilnahme ausdrücklich verteidigen? Erst recht beiläufig. Das Drehbuch funktioniert nur, wenn man die Statisten übersieht.

Beide Skripte bedienen sich desselben Datums. Die eine nutzt es als Schild, die andere als Schwert. Beide brauchen den 11. September nicht als Trauer, sondern als Bühne.

Was bleibt offen — und was man fairerweise sagen muss: Die Behauptung über Bari Weiss' direkte Eingriffe in die Schlagzeile beruht auf einer einzigen Quelle, dem Branchenbrief Status. Es ist eine heiße Spur, aber eine einzelne. Bis eine zweite Stimme diese Rolle bestätigt, steht der schwerwiegendste Vorwurf im Konjunktiv. Was hingegen dokumentiert vorliegt, ist der fertige Text, die gewählte Schlagzeile, der systematisch weggelassene Kontext. Es gibt zwei Möglichkeiten. Die Redaktion hat die Geschichte nicht verstanden, weil ihr die Zeit fehlte. Oder sie hat sie sehr genau verstanden und trotzdem so gedruckt. Beide Varianten sind, gelinde gesagt, bemerkenswert.

Unten singt Evelyn noch immer. Der Bourbon geht zur Neige. Irgendwo in New York wird am Freitag ein Stift nicht überreicht werden, irgendwo in Detroit werden alte Tweets wieder auftauchen, und irgendwo in einer Redaktion wird jemand entscheiden, was morgen die Schlagzeile ist.

Das 11. September ist in dieser Stadt ein heiliger Tag. Aber heilig und unantastbar sind zwei verschiedene Dinge. Wer damit Politik macht, macht Politik. Wer mit alten Tweets Politik macht, macht Propaganda. Und wer beides gleichzeitig tut und so redet, als verteidige er nur die Würde eines Datums — der sollte sich fragen lassen, wessen Würde er eigentlich meint.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 2 von 2 Behauptungen belegt
  1. ZITAT Al Sharpton scolded 9/11 families for 'Anti-Muslim Bigotry'

    „Al Sharpton took to X to say that anyone who objects to Mamdani's presence at the services on Friday is "motivated by anti-Muslim bigotry."“ — wörtlich im Quelltext belegt

  2. ZITAT CBS News Spins El-Sayed’s 9/11 Tweets Into a Manufactured Anti-Muslim Scandal

    im Titel der Quelle gefunden

    vorgeschlagene Belegstelle verworfen, weil so nicht im Quelltext: „On Monday, CBS reporter Zak Hudak published an article headlined with the critique that El-Sayed’s “deleted tweets on Sept. 11 attacks invite scrutiny of past remarks.”“

Herangezogene Quellen

2 Quellen · 2 davon belegt · 4 externe Belege · 2 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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