Börse 1937
Terminal Tribune

10. September 2026

Dossier · Krisen & Konflikte

**Respekt von sieben bis elf**

10. September 2026 — Morrison, over and out.

Die Stadt streitet sich wieder. Diesmal nicht um Löhne, nicht um Mieten, nicht um die Farbe der Tram. Diesmal geht es um vier Stunden. Um die Spanne zwischen sieben und elf an einem Freitag im September. Zweitausendneunhundertdreiundachtzig Namen werden dann am Ground Zero gelesen. Die Witwen werden dort stehen. Manche halten die Fotos ihrer Toten vor sich her wie Monstranzen.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Monica Iken hält das Gesicht ihres Mannes Michael Patrick Iken vor die Kameras. Der Mann war siebenunddreißig, Bond Broker im vierundachtzigsten Stock des Südturms. Verheiratet seit elf Monaten. Elf Monate. Wer rechnen kann, rechnet nach.

Bürgermeister Zohran Mamdani hat angekündigt, dass er kommt.

Hunderttausend Stimmen haben das Gegenteil unterschrieben. Giovanni Galante hat die Petition im Juli auf Change.org gestellt. Seine Frau Grace Catherine Galante starb in den Türmen. Die Petition wuchs von Woche zu Woche, Dienstag wurde sie vor das Rathaus getragen. Übergeben wurde sie nicht an einen Stellvertreter des Bürgermeisters. Übergeben wurde sie an den Stabschef von Ramzi Kassem.

Kassem ist Chefjustiziar Mamdanis. Im Jahr 2014 hat Kassem einen al-Qaida-Terroristen in Guantánamo verteidigt. Kassem war also nicht irgendein Anwalt, bevor Mamdani ihn anstellte. Kassem war der Mann der anderen Seite.

Und dann der Stift.

Letzte Woche hat Mamdani zwei Exekutivanordnungen zum Gedenken unterschrieben. Den symbolischen Stift reichte er an die Polizeichefin Jessica Tisch. Tisch flüsterte etwas. Tisch gab den Stift an Kassem weiter. Tom Von Essen, Feuerwehrkommissar während der Anschläge, dreihundertdreiundvierzig tote Männer unter seinem Befehl, sagt: Das war Absicht. "Er ist nicht groß genug, um fernzubleiben, obwohl er weiß, dass er ablenkt."

Wer vom Kummer profitieren will, braucht ein Symbol. Mamdani hat den Stift gewählt. Und er hat gewählt, an wen der Stift geht.

Charles Wolf steht vor dem Rathaus mit dem Foto seiner Frau Katherine, Nordturm. Walter Matuza steht dort mit dem Foto seines Vaters Walter, neununddreißig, Telekommunikationsanalyst bei Carr Futures, zweiundneunzigster Stock des Nordturms. Cheri Sparacio verlor ihren Mann Tom, Devisenhändler bei Euro Brokers, vierundachtzigster Stock des Südturms. Sie sagen ausdrücklich: Es geht nicht um Herkunft, nicht um Religion. Es geht um Politik, heute. "Es geht darum, welche Politik er heute macht", sagt Sparacio.

Dann treten Rudy Giuliani und George Pataki vor die Mikrofone. Giuliani, Amerikas Bürgermeister, wie sie ihn tauften. Pataki, Gouverneur damals. Beide haben den elften September politisch überlebt. Beide sagen heute: Bleiben Sie weg. Giuliani, zweiundachtzig, behauptet in einer anderen Sendung, Mamdani bestreite, dass der elfte September ein islamistischer Terroranschlag gewesen sei. Was Giuliani glaubt, ist nicht zu prüfen. Was er benutzt, ist zu sehen.

Die Struktur liegt offen. Die Familien liefern die Bühne, den Schmerz, die Stimmen. Die Ex-Politiker liefern die zweite Reihe, das Pathos, den Auftritt. Der Bürgermeister liefert den Konflikt, die Schlagzeile, den Stift. Die Stadtverwaltung hat den Empfang der Petition an Kassefs Stab delegiert, nicht an den Bürgermeister. Das ist kein Zufall. Das ist eine Nachricht in der Nachricht.

Unklar bleibt, ob Mamdani den Auftritt als Respekt versteht oder als Bühne. Unklar bleibt, warum eine Verwaltung, die hunderttausend Unterschriften hört, dem Mann, dessen Anwalt einen Terroristen vertrat, den Stift reicht. Unklar bleibt vor allem, wer zwischen sieben und elf das Sagen hat am Ground Zero.

Monica Iken sagt: "Ich weiß nicht, warum er so hartnäckig ist. Wir bitten nur, dass er uns von sieben bis elf in Ruhe lässt."

In vierundzwanzig Stunden wird die Stadt die Antwort bekommen. Oder auch nicht. Evelyn singt unten etwas Langsames. Die Maschine hämmert weiter. Der Bourbon steht kalt daneben.

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