DER SCHALTER: 77,8 MILLIARDEN UND EINE OFFENE FRAGE
September zweiundzwanzig. Die Inflationskurve klettert auf Werte, die wir seit den Fünfzigern nicht gesehen haben. Strom, Gas, Wärme — die Preise galoppieren, und der Staat greift in die Trommel: Preisbremsen, Hilfen, Schutzschirme.
Mitten in dieses Beben spricht ein Kanzler den Satz, der heute wie eine Grabinschrift klingt: „Doppelwumms." Zweihundert Milliarden Euro. Davor schon das dritte Entlastungspaket, fünfundsechzig Milliarden. Große Zahlen, große Gesten, gezahlt auf dem Rücken von Mietern, Rentnern, kleinen Betrieben.
Vier Jahre später wird das Bundesfinanzministerium kühl. Es beziffert, was wirklich floss: rund fünfzig Komma vier Milliarden Euro. Die Strompreisbremse schlug mit sechzehn Komma drei zu Buche, Erdgas- und Wärmepreisbremse mit vierzehn Komma drei. Sechs Komma eins für die Energiepreispauschale der Rentner, sechs Komma acht für die Wohngeldreform. Dann noch einmal zwanzig Komma sechs für die Rettung von SEFE — vormals Gazprom Germania — und Uniper.
Insgesamt: siebenundsiebzig Komma acht Milliarden. Die Zahl, die Scholz nie aussprach. Die Differenz zwischen Versprechen und Wirklichkeit ist der Stoff, aus dem Misstrauen gemacht wird.
Aber das ist nicht die Geschichte. Das ist die Quittung.
Die Geschichte beginnt sieben Monate vor dem „Doppelwumms", am vierundzwanzigsten Februar zweiundzwanzig. Russland weitet den Krieg aus. Berlin verurteilt, sanktioniert, liefert Waffen. Drei Tage später die Zeitenwende-Rede. Ein Satz, der die alte deutsche Gemütlichkeit beerdigte.
Und im Kreml legt jemand den Schalter um.
Im März zweiundzwanzig verlangt Moskau: „unfreundliche" Staaten sollen in Rubel zahlen. Deutschland und die EU weigern sich. Die Lieferungen werden gedrosselt. Dann eingestellt. Erst Polen, Finnland, dann der Rest. Nord Stream 1 — einst die Lebensader — wird zum kalten Rohr.
Zwei Komma eins, das ist der Wert, der uns heute noch in den Knochen steckt: Deutschland bezog ein Drittel seines Rohöls und ungefähr fünfundfünfzig Prozent seines Erdgases aus Russland. Wer sich so abhängig macht, hat keine Energiepolitik. Er hat eine Geiselakte. Die alten Römer wussten das, als sie von den Getreidelieferungen aus Ägypten abhingen. Wir haben es nicht gewusst — oder wir wollten es nicht wissen.
Und dann, als Berlin sich traute, dem Kreml ins Gesicht zu sehen, kam die Rechnung.
Wirklich?
Hier beginnt das, was im Verborgenen liegt. Das CORRECTIV-Material von Anfang September sechsundzwanzig zeigt das Bild einer Eskalation, die nicht mehr hybrid genannt werden sollte: Sprengstoffdrohne über dem Leipziger Flughafen, ein russischer Geheimdienst im Verdacht, Generalkonsulat in Bonn geschlossen, Vertrag für das „Russische Haus" gekündigt, Druck auf die Schattenflotte. Innenminister Dobrindt spricht von „angemessen". Die Autoren bei CORRECTIV fragen offen, ob das Wort „hybrid" überhaupt noch reicht.
Was ich mich frage: Wenn ein Geheimdienst Drohnen mit Sprengstoff über deutsche Flughäfen schickt — ist das dann noch eine Vorstufe? Eine Kostprobe? Eine Antwort auf eine Frage, die noch gar nicht gestellt wurde?
Und die wichtigere Frage, die sich niemand stellt: Wie sieht die langfristige Energieversorgung dieses Landes wirklich aus? Eine einzige Quelle war der Fehler der Vergangenheit. Aber wer garantiert, dass die Quellen von heute — LNG-Terminals, norwegisches Pipelinegas, Wasserstoffträume — nicht die nächste einzelne Abhängigkeit werden? Wer kontrolliert die Schattenflotte? Wer kontrolliert die Lieferketten der Terminals in Brunsbüttel und Wilhelmshaven? Wer profitiert von den neuen Verträgen, wer verschweigt seine Margen?
Offen bleibt auch, was die offiziellen siebenundsiebzig Komma acht Milliarden nicht enthalten: die Schäden in den Bilanzen der Industrie, die verlorenen Aufträge, die Investitionen, die ins Ausland wanderten, weil hier der Strom zu teuer wurde. Die Stahlwerke, die schlossen. Die Glashütten, die drosselten. Die chemische Industrie, die nach Louisiana und Katar blickte. Das steht nicht in den Berichten des Finanzministeriums. Das steht in den Bilanzen der Konzerne — und in den Auftragsbüchern derer, die jetzt bauen.
Unklar bleibt, wer an der Umverteilung der Energieströme wirklich verdient. Klar ist nur, dass die Karten neu gemischt wurden — und dass das Spiel hinter verschlossenen Türen weitergeht.
Evelyn singt unten im Café. Es klingt wie Händel, aber es könnte auch Verdi sein. Bourbon in der Schublade. Regen an der Scheibe. Irgendwo in Bonn werden Konsulatsakten gepackt.
Die Wahrheit ist: niemand legt einen Schalter um, ohne dass irgendwo eine Rechnung wächst. Russland hat ihn umgelegt — als Berlin sich bewegte. Die Rechnung kam in Raten: Inflation, Entlastungspakete, Rettungen für SEFE und Uniper, Energiepreisbremsen. Siebenundsiebzig Komma acht Milliarden, die irgendwer bezahlt hat.
Die Frage ist nicht, wer gezahlt hat.
Die Frage ist, wer noch zahlen wird — und welcher Schalter als Nächstes fällt, wenn die Laternen ausgehen.
❖ Ende des Artikels ❖
