STARLINK HÄLT DIE LEINE: WER DEN SCHALTER DRÜCKT, HÄLT DEN KRIEG
Die Drähte summen. Auch wenn die Frequenz heute Satellit heißt und nicht mehr Morse – das Prinzip bleibt dasselbe: Wer den Schalter hält, hält den Krieg.
Die Ukraine führt einen Drohnenkrieg, der die Welt verblüfft. Tausende Hornet-Drohnen der US-Firma Perennial Autonomy sind im Sommer gestartet worden. Jede trägt bis zu fünf Kilogramm Sprengstoff, erreicht fünfzig bis hundertfünfzig Kilometer, kostet siebentausendfünfhundert bis zehntausend Dollar. Die ukrainische Erfolgsquote: angeblich mindestens sechzig Prozent, vierzig Prozent direkte Treffer, fünfzehn Prozent gestört oder abgeschossen. Das sind die offiziellen Zahlen. Welche die tatsächlichen sind, bleibt im Nebel – und genau das ist der erste Hinweis.
Aber die wahre Geschichte steckt nicht in den Erfolgen. Sie steckt in der Leine.
Denn die Steuerung dieser Angriffe hängt am Tropf amerikanischer Infrastruktur – konkret an Starlink-Terminals von SpaceX. Ohne Starlink müssten die Teams wieder Funkverbindungen berechnen, Relaisdrohnen einsetzen, Antennen ausrichten. Das Videobild bleibt mit Starlink stabil bis kurz vor den Einschlag. „Es vereinfacht alles", sagt ein ukrainischer Offizier namens Jura. Dieses „alles" ist ein Geschenk auf Widerruf.
Die Frage, die in keiner Siegesmeldung steht, stellen ukrainische Offiziere selbst: „Was, wenn Elon Musk oder jemand bei SpaceX es abschaltet?" „Viele meiner Kollegen, und auch ich, sind sehr nervös, wie wir ohne Starlink arbeiten würden." Das ist das Eingeständnis einer Souveränität, die über Nacht verschoben werden kann. Wer den Knopf drückt, weiß nicht, ob der Knopf ihm gehört.
Die Ukraine trifft mit ihren Drohnen Treibstofflager, Stromnetze und Logistik tief in Russland. Auf der Krim fiel der Strom tagelang aus, in Moskau bildeten sich Schlangen an Tankstellen. Zwischen dem siebzehnten und zweiundzwanzigsten August trafen unbemannte Fluggeräte siebenundzwanzig Energieknoten auf der Krim und in besetzten Gebieten. Seit Juli wurden zweihundertzweiundvierzig Schiffe der sogenannten Schattenflotte attackiert. Einige in der Ukraine gebaute Langstreckendrohnen erreichen inzwischen Ziele in dreitausendfünfhundert Kilometern Entfernung. Das ist keine Grenzscharmützel mehr. Das ist Strategie mit Langarm.
Aber jeder dieser Arme ist verkabelt mit Hardware, deren Stecker in Texas sitzt. Starlink-Terminals, Hornet-Drohnen, Patriot-Abwehrsysteme, von denen Selenskyj zuletzt dreihundert Flugkörper für den Winter forderte. Dreihundert Flugkörper, gebaut in amerikanischen Werkshallen, verladen in amerikanischer Logistik, geliefert mit amerikanischer Lizenz. Wer hier noch von reiner „Hilfe" spricht, sollte das Wort „Leine" mitbuchen.
Die USA haben ihre Operationen am siebenundzwanzigsten Februar aufgenommen – der Tag, an dem Starlink-Terminals erstmals ukrainisches Territorium erreichten. Seitdem gilt auf dem Schlachtfeld: Ohne das amerikanische Netz geht wenig bis nichts. Was als Solidarität verkauft wird, ist in der Hardware eine Kontrollarchitektur. Hinter jedem Lächeln der Solidarität liegt ein Schalthebel.
Die Geschichte kennt das Muster. Der Iran hat in der Vergangenheit Flughäfen in den Golfstaaten angegriffen, Vergeltung provoziert, Gegenangriffe ausgelöst. Die Spirale ist altbekannt. Was wir hier sehen, ist die Lehrstunde einer neuen Kriegsführung: Die Souveränität über die Waffe liegt nicht mehr bei der Armee, die sie abfeuert – sondern bei dem Konzern, der das Netz betreibt.
Wer zahlt den Preis? Nicht Washington. Nicht Austin, Texas. Der ukrainische Soldat, der heute ein Signal empfängt, das morgen Stille sein kann. Die ukrainische Zivilbevölkerung, deren Stromnetze und Häfen zur Manövriermasse einer Geopolitik werden, die sie nicht gewählt haben. Die russische Zivilbevölkerung jenseits der Linie, deren Raffinerien brennen. Am Ende zahlen alle, nur nicht jene, die das Netz besitzen.
Was bleibt offen? Die genaue Zahl der im Einsatz befindlichen Starlink-Terminals. Die Aufteilung zwischen US-produzierten und ukrainisch gefertigten Drohnen unter den „Tausenden" Starts. Die tatsächlichen Verlustzahlen auf beiden Seiten. Die offiziellen ukrainischen Angaben sprechen von fünfzehn Prozent Störung oder Abschuss, aber das ist nur die halbe Rechnung. Die russische Seite schweigt oder prahlt, je nach taktischer Notwendigkeit. Solange diese Zahlen im Dunkel liegen, bleibt auch das Ausmaß der Abhängigkeit eine Schätzung – und Schätzungen sind das Lieblingswerkzeug jener, die keine Kontrolle abgeben wollen.
Die Drähte summen. Aber wer schaltet sie ab? Das ist die Frage, die zwischen den Zeilen der Sondergesandten-Gespräche in Kiew nicht gestellt wird. Sollte sie aber.
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