WER SCHÜTZT HIER WEN
Die Schreibmaschine klappert. Der Bourbon ist kalt. Die Nachricht liegt auf dem Tisch wie eine vergiftete Süßigkeit — höflich verpackt, schwer verdaulich.
Jemand hat mir gesteckt, dass die Schwergängigkeit beim MDR ein wirksamer Schutz sei. Schutz wovor? Schutz für wen? Die Antwort auf diese Frage, lieber Leser, ist die eigentliche Meldung — und genau die wird nicht gedruckt.
Wir reden von einer Anstalt, die sich ihre eigene Trägheit als Bollwerk zurechtlegt. Wer in den Apparat blickt, sieht das Offensichtliche: Hier bewegt sich nichts, weil nichts bewegt werden darf. Und dieses Nichtbewegen, so flüstert man mir zu, sei die Rettung.
Schauen wir genauer hin.
Die Schwergängigkeit — das ist der Deckmantel. Ein hübsches Wort für das, was die Römer inertia nannten und was die Bürokratie seitdem zur Kunstform erhoben hat. Jedes Reformpapier, das in einem Schreibblock verschwindet. Jeder Aufsichtsrat, der tagt und nichts beschließt. Jeder Wechsel oben, der die Struktur heil lässt. Das ist die Festung. Nicht aus Stein. Aus Blei. Schwer, grau, undurchdringlich.
Aber wovor?
Ich sitze in dieser Redaktion und rieche den Rauch von drei verschiedenen Krisen. Die erste heißt: Staatsvertrag. Die zweite heißt: Rundfunkbeitrag. Die dritte heißt: ein politisches Berlin, das jeden öffentlichen Apparat misstrauisch beäugt wie ein Buchhalter einen verschwundenen Cent.
Wovor also schützt die Schwergängigkeit?
Hier beginnt die Ermittlung.
Ich habe eine Quelle. Eine einzige. Und genau das ist das Problem. Denn wer behauptet, Trägheit schütze, hat ein Interesse daran, dass niemand prüft, ob sie es tatsächlich tut. Wer sagt: Lasst alles, wie es ist — will in aller Regel, dass alles bleibt, wie es ist.
Schritt eins: Wer profitiert?
Die Antwort liegt nicht in den Redaktionen. Die Antwort liegt in den Etagen darüber. In den Verwaltungsräten, in den Gremien, in den Runden, in denen Posten verteilt und Tarife verhandelt werden. Wer profitiert von einer Anstalt, die sich nicht bewegen lässt? Der Apparat selbst. Diejenigen, die ihn steuern. Diejenigen, die seine Schwergängigkeit in Mandate, in Wiederwahl, in ruhige Jahre ummünzen.
Ich behaupte nicht, dass dies so ist. Ich behaupte, dass dies die Frage ist, die niemand laut stellt.
Schritt zwei: Wovor wird abgewehrt?
Eine Anstalt, die sich nicht reformiert, kann nicht reformiert werden. Klingt banal. Ist es nicht. Denn wer das Tempo drosselt, kontrolliert die Richtung. Wer jeden Reformwillen erstickt, behält das alte Spiel. Wer das alte Spiel behält, behält die Pfründe.
Ist das die Schutzfunktion? Oder ist es nur die Funktion derer, die den Schutz formulieren?
Hier verlässt mich die belegte Spur. Was bleibt, ist eine offene Frage — und die schreibe ich auf, damit sie nicht verschwindet: Schützt die Schwergängigkeit das Publikum? Schützt sie die journalistische Substanz? Oder schützt sie nur den Zustand, in dem niemand Verantwortung tragen muss für das, was als Reform verkauft wird?
Schritt drei: Was sind die nächsten Schritte?
Unklar bleibt, wer die Schwergängigkeit eigentlich diagnostiziert hat. Unklar bleibt, an wen sie rapportiert wird. Unklar bleibt, ob es ein Schutz ist — oder eine Diagnose, die wie ein Schutz klingt, damit niemand nach der Therapie fragt.
Eines ist sicher: Wer behauptet, ein Zustand sei der Schutz vor etwas anderem, verschiebt die Frage. Die Frage ist nicht: Funktioniert der Schutz? Die Frage ist: Wovor wird hier geschützt — und wer hat das so festgelegt?
Die Redaktion ist still. Evelyn singt irgendwo unten. Der Bourbon ist leer. Und irgendwo in Mitteldeutschland ruht sich ein Apparat auf seiner eigenen Schwere aus — und nennt das Tugend.
Das, lieber Leser, ist keine Nachricht.
Das ist ein Verdacht.
❖ Ende des Artikels ❖
