Börse 1937
Terminal Tribune

13. September 2026

Dossier · Krisen & Konflikte

Cal wusste, Cal schwieg

13. September 2026 — Morrison, over and out.

Der Bourbon steht halbleer. Regen trommelt gegen die Scheibe, unten im Café spielt jemand leise Klavier, und ich frage mich, wann eine Universität zum Schutzschild für ihre eigenen Peiniger wird. Berkeley. Die Wiege des freien Denkens. Die Nummer eins der öffentlichen Universitäten — sagt sie über sich selbst, ganz stolz, in jedem Spendenbrief, auf jedem Prospekt.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Dann kam Chelsea Spencer.

Eine ehemalige Cal-Softball-Spielerin hat Klage eingereicht — am 24. August, vor dem Superior Court in Alameda County. Sie ist anonym. Ihr Name steht nicht in der Akte, nur ihr Schmerz, ihre Saison, ihr gestohlenes letztes Jahr. Sie wirft Spencer, ihrer damaligen Cheftrainerin, vor, sie in eine sexuelle Beziehung gedrängt zu haben. Sie wirft Berkeley vor, es gewusst und weggeschaut zu haben.

Das ist der Kern. Nicht der Skandal einer einzelnen Frau. Sondern das Versagen einer Institution, die sich selbst den Heiligenschein der Aufklärung umhängt.

Nach Darstellung der Klageschrift begannen Spencers Avancen im Herbst 2023, kurz nachdem die Spielerin als Transfer ans Team gestoßen war. Eine Pitcherin, gerade angekommen, leicht zu beeindrucken, leicht zu isolieren. Spencer rief sie täglich an. Textete. Sprach über Persönliches. Der Ton wurde wärmer, romantisierter. „You're so beautiful." „Your girlfriend is so lucky." Sätze, die in einem Hotelzimmer während einer Teamreise im Mai 2024 in etwas Körperliches kippten.

Die Klägerin sagt, die Intimität sei „mutual" gewesen. So steht es in der Akte. Sie sagt aber auch, was darunter lag: ein Machtgefälle, so groß wie das kalifornische Licht über dem Levine-Fricke Field. Spencer emotional zufrieden zu halten, formuliert die Klage, „war notwendig, um die eigene Position und die Spielzeit zu schützen und das Team funktionsfähig zu halten." Wer so klagt, hat keine Freiwilligkeit behauptet. Sie hat eine Zwangslage beschrieben. Den feinen Unterschied kennt jeder, der je in einem Betrieb gearbeitet hat, wo der Vorgesetzte die Beförderung verteilt.

Etwa ein Jahr später beendete die Spielerin die Beziehung. Es kam zum Streit vor einem Spiel. Spencer sagte angeblich: „You're not pitching." Sie pitchte nicht. Die Spielzeit schrumpfte. Mehrere Schuloffizielle — darunter, so die Klage, der Associate Athletics Director — wussten angeblich Bescheid. Was taten sie? Sie entfernten die Spielerin. Spencer blieb.

Die Spielerin verpasste ihre letzte Saison. Ihre Karriere als Softball-Spielerin war zu Ende. Sie ging, um online zu studieren. Der Campus blieb Spencer.

Spencer trat im Juni letzten Jahres zurück — vier Monate nachdem die Universität ihren Vertrag verlängert hatte. Nicht sofort. Nicht nach den ersten Hinweisen. Sondern als es nicht mehr zu halten war. Eine spätere interne Untersuchung der Universität kam zum Schluss, Spencer habe gegen die Campus-Policy zu Interessenkonflikten in einvernehmlichen Beziehungen verstoßen. Spencer selbst, so die Klage, war im Verfahren nicht kooperativ.

Ein Sprecher von Cal wollte sich auf Anfrage nicht äußern. Weder zur Klage noch zur eigenen Untersuchung. Berkeley, die stolze Nr. 1, schweigt.

Die Kanzlei Slater Slater Schulman vertritt die Klägerin. Anwalt Michael Carney bringt es auf den Punkt: Studentenathleten sollten nicht gezwungen sein, „zwischen dem Widerstand gegen einen Coach oder eine andere Person mit großem Machtungleichgewicht und dem Schutz ihrer eigenen sportlichen und akademischen Zukunft zu wählen". Anwältin Gizem Gures, selbst Cal-Alumna, formuliert es noch schärfer: „Berkeley rühmt sich, die Nummer eins der öffentlichen Universitäten der Welt zu sein. Diese Reputation bringt Verantwortung mit sich, Studenten zu schützen. Als Cal-Alumna ist es zutiefst enttäuschend zu sehen, was unsere Mandantin erlebt hat und wie die Universität reagiert hat, nachdem ihre eigene Untersuchung das Verhalten bestätigt hat."

Wer profitiert hier? Sicher nicht die Spielerin. Sicher nicht die künftigen Spielerinnen, die jetzt lernen müssen, dass ihre Universität Beschwerden sammelt und sie dann ablegt. Berkeley hat sich eine Untersuchung geleistet, aber keine Konsequenz. Das ist keine Aufklärung. Das ist Bürokratie mit kalkulierter Scham. Der Vertrag wurde verlängert. Spencer blieb im Amt. Die Hinweise wanderten in eine Akte, die Akte wanderte in eine Schublade, und die Schublade blieb zu, bis eine Klägerin den Anwalt einschaltete.

Was bleibt offen? Wie viele Spielerinnen waren betroffen? Die Klage spricht von einer Spielerin, einer Beziehung — aber wer war im Raum, als Spencer um Mitternacht textete? Wer hat das Klima im Staff mitgetragen? Welche anderen Stimmen hat das System geschluckt, bevor diese eine laut werden konnte? Wie kann eine Untersuchung Verstöße feststellen, und Spencer bleibt dennoch vier Monate im Amt, mit voller Bezahlung, mit Vertrag in der Tasche?

Spencer ist weg. Die Akte ist offen. Berkeley schweigt noch immer. Der Regen hat aufgehört. Das Klavier unten spielt weiter.

Eine Universität, die ihren Namen auf Freiheit schreibt, sollte nicht zulassen, dass ihre Macht über junge Frauen in Hotelzimmern und Textnachrichten landet.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 3 von 5 Behauptungen belegt
  1. ZITAT A former Cal softball player filed a lawsuit against the university and former coach Chelsea Spencer

    die vorgeschlagene Belegstelle steht so NICHT im Quelltext und wurde deshalb verworfen; das ist eine Aussage ueber den Vorschlag, nicht ueber die Quellenlage

    vorgeschlagene Belegstelle verworfen, weil so nicht im Quelltext: „A former University of California, Berkeley softball player is accusing an ex-head coach“

  2. ZITAT The lawsuit alleges that the university did not remove Spencer from her role despite the inappropriate relationship being reported

    „as well as the school for allegedly failing to remove Spencer after being notified of the relationship.“ — wörtlich im Quelltext belegt

  3. ZITAT Chelsea Spencer allegedly pressured a Cal softball player into a sexual relationship and cut her playing time

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  4. ZITAT Former Athletics bat boy impersonated Eric Byrnes to receive sexual favors

    im Titel der Quelle gefunden

  5. ZITAT Former A’s bat boy fooled women into thinking he was Eric Byrnes, ex-MLB star reveals

    im Titel der Quelle gefunden

Herangezogene Quellen

  • 3 weitere Quellen waren beim Schreiben nicht abrufbar

5 Quellen · 3 davon belegt · 3 externe Belege · 5 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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