Kaliforniens Scharlachbuch für die Liebe
Die Drähte summen. Diesmal kommt das Signal nicht aus dem Äther, sondern aus einem Serverpark zwischen Sacramento und dem Pazifik. Kalifornien — dieser Staat, der sich selbst für die Werkstatt der Zukunft hält — hat ein Gesetz einen Schritt näher an die Wirklichkeit gerückt, das mich an alte Akten erinnert. An Karteikästen. An Stempel auf Papier, die nie wieder verschwinden.
Der Senatsausschuss für öffentliche Sicherheit in Kalifornien hat diese Woche einen Entwurf passieren lassen, der Online-Dating-Plattformen verpflichten soll, für Nutzer im Staat Strafregisterauskünfte einzuholen. Wer als registrierter Sexualstraftäter geführt wird oder wegen eines Gewaltverbrechens, häuslicher Gewalt, einer Körperverletzung oder eines Hassverbrechens verurteilt wurde, bekommt eine Markierung ins Profil. Eine Flagge. Sichtbar für alle anderen.
Die Autorin, Senatorin Caroline Menjivar aus Van Nuys, spricht Klartext: Dating-Apps böten ihren Nutzern keinen ausreichenden Schutz. Sie beruft sich auf eine Erhebung von Columbia Journalism Investigations aus dem Jahr 2019 — mehr als ein Drittel der befragten Frauen gab an, von jemandem sexuell angegriffen oder vergewaltigt worden zu sein, den sie über eine Dating-App kennengelernt hatten. Die Recherche von The Markup aus dem Vorjahr belegt: Beschuldigte sexualisierter Gewalt blieben auf den Plattformen, selbst nachdem Opfer sie meldeten. Eine Frau sei im letzten Jahr getötet und ihre Leiche angezündet worden, nachdem sie einen Mann über eine App getroffen hatte — ein Fall, den Menjivar namentlich als Treiber des Gesetzes benennt.
Die Fälle sind real. Die Wut ist berechtigt. Die Frage jedoch, die sich mir auf der Frequenz aufdrängt, ist eine andere: Wer kontrolliert die Maschinerie, die hier gebaut wird? Und wer hat davon profitiert, dass jahrelang nichts geschah?
Dort, wo weggesehen wurde, sitzt nicht der kleine App-Betreiber von nebenan. Es sitzt die Match Group — Konzernmutter von Tinder, Hinge und mehr als einem Dutzend weiterer Plattformen. The Markup hat im Februar 2025 dokumentiert, dass dieser Konzern von missbräuchlichen Nutzern wusste und Millionen Menschen im Dunkeln ließ. Jetzt, da Sacramento nachregulieren will, spricht ausgerechnet diese Branche über Datenschutz. Jose Torres, stellvertretender Geschäftsführer der Industrievereinigung TechNet, argumentierte im Ausschuss, die Umsetzung erfordere die Erhebung erheblicher Mengen personenbezogener Daten — mehr Daten, um Fehler zu vermeiden, mehr Hunger nach Identitäten. Das ist das alte Lied. Ich habe es bei den Telefongesellschaften gehört, bei den Funkämtern, bei jedem neuen Register, das uns versprochen wurde, um Böses zu verhindern — und das am Ende immer auch der Überwachung diente.
Senator Scott Wiener aus San Francisco — Demokrat, wie die Autorin — stimmte gegen den Entwurf. Er warnte vor "erheblichen unbeabsichtigten Folgen für die Privatsphäre". Ihm schloss sich der republikanische Senator Kelly Seyarto aus Murrieta an. Vier demokratische Stimmen reichten, um das Gesetz aus dem sechsköpfigen Ausschuss zu befördern.
Menjivar kündigte an, den Entwurf zu überarbeiten — andere Straftatbestände, andere operative Details. Am 20. April soll das "dramatisch veränderte Gesetz" dem Datenschutzausschuss vorgelegt werden. Bis dahin bleibt offen, wer am Ende die Strippen zieht. Welche Behörde liefert die Daten, in welcher Frist, mit welcher Fehlerquote? Welche Verurteilung wiegt schwer genug, um die Flagge zu rechtfertigen? Und was geschieht, wenn sie einmal gesetzt ist — wer nimmt sie wieder herunter, wenn ein Gericht den ursprünglichen Eintrag korrigiert? Torres spricht vom Risiko der Fehlzuordnung. Ich spreche vom Risiko eines Registers, das niemand bestellt hat und niemand mehr loswird.
Es bleibt das alte Muster: Der Staat will schützen und schafft dabei neue Datenströme. Die Industrie will Gewinn und schützt dabei ihre Bilanz. Am Ende steht der Nutzer — mit einer Flagge im Profil, deren Bedeutung er nicht geschrieben hat.
Ich bin Frau, ich bin Telegraphistin, ich übersetze Frequenzen, die anderen zu hoch sind. In meinem Beruf hatten Frauen 1937 nichts verloren. Ich schreibe trotzdem. Was ich höre, ist der Lärm eines Staates, der seine Bürgerinnen mit dem Werkzeug schützen will, das er am besten zu kennen glaubt: Akten, Datenbanken, Flaggen. Wer die Markierung setzt, besitzt einen Teil der Liebe. Und wer diesen Teil besitzt, besitzt die Bedingung, unter der sie überhaupt noch stattfinden darf.
Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Sacramento sendet weiter. Eines ist sicher: Wer jahrelang schwieg, spricht jetzt aus den richtigen Gründen — oder aus den falschen. Das werden die nächsten Frequenzen zeigen.
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