Börse 1937
Terminal Tribune

13. September 2026

Dossier · Krisen & Konflikte

raq, Hodeida, Nablus: Drei Fronten, eine Drehung, null Aufklärung

13. September 2026 — Morrison, over and out.

Draußen Regen. Drinnen Bourbon. Die Schreibmaschine klappert, als hätte sie auch schlecht geschlafen. Evelyn singt unten im Café etwas, das nach Abschied klingt, und die Wanduhr sagt drei Uhr nachts — was natürlich gelogen ist, wie die meisten Uhren in diesem Gewerbe.

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Heute Morgen also: Iran schießt ballistische Raketen auf den US-Stützpunkt Al Azraq in Jordanien. Die Revolutionsgarden sagen es selbst, in einer Erklärung, die wie eine Pressemitteilung aussieht und wie eine Kriegserklärung riecht. Sie sagen auch, warum: Vergeltung. Weil Washington iranische Öltanker im Persischen Golf und im Golf von Oman angegriffen hat. Eine Eskalation, die sich anhört wie das Klirren von Geschirr in einer Küche, in der das Glas schon auf dem Boden liegt.

So weit Middle East Eye. Solide Arbeit, soweit man das von einem Draht sagen kann. Sie gibt Teheran das Wort, sie gibt Washington die Antwort, sie gibt Jerusalem sein Schweigen.

Jetzt die andere Stimme. Euronews heute Morgen, Schlagzeile wie ein Reklameschild am Times Square: Trump verteidigt den Iran-Krieg, schlägt die Demokraten, verspricht den Wählern Geld. Verteidigt. Nicht: reagiert auf eine Provokation. Verteidigt. Aktiv. Eine Erzählung, in der Amerika der Verteidiger ist und Iran der Aggressor, in der das Feuer immer vom anderen kommt.

Und hier, Leute, ist die Bruchstelle. Hier liegt der Riss im Glas.

Wenn die MEE-Version hält — und sie hat die Koordinaten, die Waffenarten, die Quellen, sie hält näherungsweise —, dann hat Washington zuerst iranische Tanker beschossen, und Teheran hat zurückgeschlagen. Wenn die Euronews-Schlagzeile stimmt, dann verteidigt Trump einen Krieg, den Amerika führen musste. Beides kann nicht gleichzeitig die volle Wahrheit sein. Beides wird uns aber als Wahrheit verkauft, mit derselben Bestimmtheit, mit demselben staatlichen Siegel, mit derselben müden Geste des Mannes, der Ihnen die Brieftasche aus der Tasche zieht und Ihnen gleichzeitig erklärt, er habe sie dort gefunden.

Gehen wir weiter. Jemen. Über dreißig saudische Luftangriffe in den letzten Stunden, verteilt auf die Gouvernements Marib, al-Jawf, Taiz und Hodeida. Das meldet Al Masirah, der Huthi-Sender, und ja — das ist eine Stimme mit eigener Agenda, das sage ich selbst. Aber die Flugbewegungen, die Einschlagspunkte, die Koordinaten: die lassen sich überprüfen, wenn man die Satellitenbilder hat. Was sagt Euronews zur gleichen Stunde? Huthis bombardieren die jemenitische Rotmeerküste im Vorstoß auf Bab al-Mandab. Huthis als Aggressoren. Die saudischen Flugzeuge kommen in dieser Version nicht vor. Riad ist abwesend wie ein unsichtbarer Autor.

Und dann die Westbank. Nablus, Qalqilya, Tulkarm. Vier tote Palästinenser in den letzten vierundzwanzig Stunden, so das palästinensische Gesundheitsministerium. Die Zahl seit Jahresbeginn: einhundert. Hier, Leute, drucke ich langsam. Ich schreibe diese Zahl nicht als Faktum, ich schreibe sie als Behauptung. Die Quelle ist eine Behörde, die selbst im Kreuzfeuer steht; eine unabhängige Bestätigung durch Dritte liegt mir nicht vor, und ich werde sie auch nicht so behandeln, als läge sie vor. Aber die Tatsache, dass heute die EU — alle Mitgliedsstaaten, einstimmig — die israelischen Siedlungen als illegal unter Völkerrecht bezeichnet, gibt dem Ganzen ein Gewicht, das man nicht wegwischen kann. Kaja Kallas, die Hohe Vertreterin, spricht von elf weiteren Ländern, die Handelssanktionen mittragen. Eine breite Front der Verurteilung. Und eine schmale Front der Konsequenz, denn zwischen einstimmiger Erklärung und kollektiver Tat klafft die übliche Schlucht.

Sehen Sie das Muster? Es ist nicht neu. Es ist so alt wie das Senatsgebäude in Rom, und es trägt dieselben Risse. Staat A schlägt zu, behauptet Notwehr. Staat B schlägt zurück, behauptet Vergeltung. Die Waffenindustrie liefert für beide Seiten — wir wissen, wer das ist, wir nennen die Namen hier nicht, weil sie ohnehin auf jedem Plakat in jeder Stadt stehen. Die Pressestellen liefern die Narrative, die sich gegenseitig ausschließen wie zwei Türen, die in dieselbe Wand gebohrt wurden. Die Opfer — ob iranische Tankerbesatzung, ob jemenitische Familien unter den Bomben, ob palästinensische Jugendliche in der Westbank — tauchen in den Schlagzeilen nur als Zahl auf, als Hintergrund, als Schaden.

Das iranische Außenministerium nennt den US-Angriff auf die Handelsschiffe ein Kriegsverbrechen. Es schwört, die Souveränität zu verteidigen. Washington spricht von einer maritimen Blockade, von einem Wirtschaftskrieg. Wörter wie Handschuhe, in die man seine nackten Fäuste steckt.

Wer profitiert? Wer verschweigt? Das sind die zwei Fragen, die niemand stellen will, weil die Antworten zu unbequem sind für die Titelseite.

Und während ich das hier tippe, klingelt irgendwo auf der anderen Seite der Welt ein Telefon in Rajamahendravaram. Vor drei Jahren, am 9. September 2023, wurde N. Chandrababu Naidu in Nandyal verhaftet — im APSSDC-Skandal, sagt die Anklage; politisch motiviert und autoritär, sagt Palla Srinivasa Rao, der TDP-Chef, der selbst mehr als fünfzig Tage im Zentralgefängnis von Rajamahendravaram saß. Eine andere Geschichte, ein anderes Land, aber dieselbe Mechanik: Staat gegen Bürger, Narrativ gegen Wahrheit, Macht gegen Gedächtnis. Der 9. September, sagt Srinivasa Rao, bleibe ein dunkler Tag im Kalender der Telugu. Das globale Muster kennt keine Grenzen, und die Ironie ist, dass diejenigen, die es am lautesten beklagen, es am eifrigsten betreiben.

Doch zurück zum Nahen Osten. Die Drähte glühen, die Schlagzeilen widersprechen sich, und die Wahrheit sitzt irgendwo in der Mitte und wird von beiden Seiten zerrieben.

Was bleibt am Ende des Tages? Ein Haufen Meldungen, die sich gegenseitig ausschließen. Eine EU-Erklärung, die kräftig klingt und leicht wiegt. Eine Zahl von hundert Toten, die ich nicht bestätigen kann und trotzdem nicht verschweigen darf. Eine Rakete, die fliegt, und ein Statement, das im selben Moment erscheint. Und die Gewissheit, dass morgen früh dasselbe Spiel von vorne beginnt — andere Schauplätze, andere Namen, dieselbe Mechanik.

Ich sage nicht, wer lügt. Ich sage nur: Hier wird gelogen. Hier wird mit großer Geste gelogen, mit staatlichem Siegel, mit UN-Charta im Hintergrund. Und wer zwischen den Zeilen liest, findet den Schuldigen nicht — aber das Muster, das sieht er.

Evelyn singt noch immer. Der Regen hat aufgehört. Und irgendwo in dieser Stadt sitzt ein Mann mit weißem Hemd und schreibt eine Pressemitteilung, die morgen früh als Wahrheit verkauft wird.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 3 von 3 Behauptungen belegt
  1. ZITAT September 9 a ‘dark day’ for Telugu people

    „Third year since Naidu’s arrest: September 9 a ‘dark day’ for Telugu people, says TDP chief“ — wörtlich im Quelltext belegt

  2. ZAHL Third year since Naidu’s arrest

    „Third year since Naidu’s arrest: September 9 a ‘dark day’ for Telugu people, says TDP chief“ — wörtlich im Quelltext belegt

  3. ZITAT TDP chief calls 2023 arrest politically motivated

    „Palla Srinivasa Rao calls the 2023 arrest in the APSSDC case politically motivated“ — wörtlich im Quelltext belegt

Herangezogene Quellen

5 Quellen · 3 davon belegt · 4 externe Belege · 3 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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