Börse 1937
Terminal Tribune

15. September 2026

Dossier · Krisen & Konflikte

GROUND ZERO UND DAS GROSSE GESCHÄFT MIT DER TRAUER

15. September 2026 — Morrison, over and out.

Rauch hängt in der Redaktion wie Blei. Bourbon in der Tasse, kalt seit Stunden. Unten brennt im Café noch Licht, Evelyn summt irgendwas, das nach Billie Holiday klingt. Ich lese die Meldungen zum 25. Jahrestag des 11. September und frage mich das Übliche: Wem nützt das alles?

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Fox News kündet ein mehrtägiges Programm an. Live aus Ground Zero, dem Pentagon, Shanksville. Drei Schauplätze, drei Mikrofone, ein Drehbuch. Steve Doocy im O'Hara's Pub, zwei Blocks von Ground Zero. Kilmeade, Earhardt, Jones im Hyatt House in Jersey City, Blick auf die Stadt. FOX&FRIENDS wird zur Gedenkmaschine — eine ganze Woche lang. Patriotismus als Sendeplan. Patriotismus als Quote. Patriotismus als Format.

Und mittendrin: Donald Trump. Der Präsident geht nicht nach Ground Zero. Er geht ins Pentagon. Begründung Nummer eins: Sicherheit, Iran, irgendetwas mit Drohnen. Begründung Nummer zwei, aufgesteckt von der New York Times: Die Veranstalter in New York wollten ihm keine Rede erlauben — bei einer Zeremonie, die traditionell keine Reden vorsieht. Das Weiße Haus schreit FAKE NEWS. Großbuchstaben, als würde die Lautstärke Wahrheit ersetzen.

Was bleibt? Ein Präsident, der seine Geburtsstadt meidet. Ein Vizepräsident, der Witze reißt.

JD Vance, gefragt, warum Trump nicht komme: „Ich glaube nicht, dass es ein besonderes Sicherheitsproblem ist." Dann, nach einer Pause: „Wir prüfen das mit dem Secret Service." Der Mann, der nichts weiß, weiß plötzlich nichts mehr. Und dann der Auftritt, ganz nebenbei, vor laufenden Kameras: „Ich freue mich wirklich darauf, Joe Biden zu treffen. Sicher werden wir viele, viele intensive intellektuelle Gespräche haben." Vance, der zuletzt mit Biden im selben Raum war, war bei Trumps Amtseinführung am 20. Januar 2025. Sehr seitdem hält er Hof. Und ausgerechnet am 11. September soll das Wiedersehen stattfinden — vor den Kameras, vor den Hinterbliebenen, dort, wo 2.977 Menschen starben.

George Pataki, einstiger Gouverneur von New York, legt pünktlich zum Jubiläum einen Dokumentarfilm über den Wiederaufbau von Ground Zero vor. Timing ist alles. 25 Jahre sind ein rundes Datum. Trauer ist ein Markt, und wer jetzt nicht einsteigt, kommt nie wieder rein. Wozu das Stück heute erscheinen soll — darüber kann man nur spekulieren. Gedenken? Oder Visitenkarte?

Und dann Zohran Mamdani. Ein wieder aufgetauchter Post aus dem Jahr 2023. Kritiker und Familienangehörige der Opfer fordern, er solle Ground Zero fernbleiben. Mamdani wird zur Waffe — nicht weil er etwas Falsches gesagt hätte, sondern weil sein Name sich eignet. Erinnerung wird zur Munition. Schnell, billig, wirksam. FOX und Konsorten greifen zu. Eine Erinnerung, die nicht mehr heilig ist, ist nur noch Material.

Was ich sehe, ist ein Zirkus. Fox ist nicht Reporter. Fox ist Zeremonienmeister. Die New Yorker Organisatoren geben Trump keine Bühne, also geht Trump ins Pentagon. Die Sicherheitsleute sagen nichts, oder wollen nichts sagen. Vance wird nach New York geschickt, damit wenigstens einer aus dem Weißen Haus dort steht, wo die Toten sind. Pataki verkauft sein Dokumentarstück wie früher seine Reden. Und Mamdani wird verheizt. So läuft es. Die einen werden erhöht, die anderen verbrannt.

FOX verspricht „umfassende Multiplattform-Programmierung". Das heißt: Jede Stunde, jeder Kanal, jeder Bildschirm. Ein patriotischer Teppich, unter dem alles verschwindet — die Frage nach Schuld, nach Versagen, nach dem, was aus dem Tag geworden ist. Patriotismus als Format. Trauer als Quote. Hinterbliebene als Kulisse.

Vance sagt, es sei „eine große Ehre", nach New York gehen zu dürfen. Eine Ehre. Als wäre der 11. September ein Staatsempfang. Als wären die Namen der Toten Gästeliste.

Wer profitiert? Fox, das seine Quote fährt. Pataki, der seine Archive plündert. Trump, der seine Abwesenheit als Anwesenheit verkauft. Vance, der endlich mit Biden reden darf, ohne dass es nach Wahlkampf aussieht. Mamdani? Wird verheizt. Wer bleibt auf der Strecke? Die Toten. Immer die Toten.

Ich schreibe das auf. Trinke den Bourbon aus. Stelle die Maschine ab. Evelyn unten singt jetzt leiser, oder ich höre sie nur nicht mehr.

Morgen beginnt die nächste Show.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 3 von 5 Behauptungen belegt
  1. ZAHL 25th anniversary of 9/11

    im Titel der Quelle gefunden

    vorgeschlagene Belegstelle verworfen, weil so nicht im Quelltext: „FOX News Media will honor the 25th anniversary of the September 11, 2001, terrorist attacks with extensive multiplatform special programming.“

  2. ZITAT '9/11 wasn’t some sort of an accident. It was a terrorist attack'

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  3. ZITAT Intense intellectual conversations

    „I’m sure that we’ll have many, many intense intellectual conversations“ — wörtlich im Quelltext belegt

  4. ZAHL 2023

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  5. BESTÄTIGT FOX News Media plant umfassende Berichterstattung zum 9/11 Jahrestag in Ground Zero, Pentagon und Shanksville

    im Titel der Quelle gefunden

    vorgeschlagene Belegstelle verworfen, weil so nicht im Quelltext: „On the somber anniversary, and in the days leading up to it, Fox News personalities and correspondents will present commemorative packages and interviews while reporting live from locations across New York, Washington, D.C., and Pennsylvania. ...Doocy will broadcast live from Shanksville, Pennsylvan“

Herangezogene Quellen

  • 4 weitere Quellen waren beim Schreiben nicht abrufbar

5 Quellen · 3 davon belegt · 4 externe Belege · 5 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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