BRÜSSEL LOCKERT DIE ZÜGEL — DIE ATMOSPHÄRE TRÄGT SIE
Die Erde bekommt keine Atempause. Sie bekommt eine Verschiebung.
Aus Brüssel kommt ein Vorschlag, der das Herzstück europäischer Klimapolitik weicher zeichnen soll. Die Industrie darf aufatmen. Die Atmosphäre nicht. Der Staub auf meinen Stiefeln ist älter als jede Kommission. Er erinnert sich an keinen Vorschlag — nur an jeden Kubikmeter CO2, der ihr entwischt.
Die Mechanik: Die EU-Kommission will den linearen Reduktionsfaktor senken, der die jährliche Verringerung der CO2-Zertifikate bestimmt. Statt 4,4 Prozent sollen ab 2031 nur 3,7 gelten, ab 2036 nur 1,7. Mehr Zertifikate im Markt. Länger Verschmutzung erlaubt. Die Ausgabe endet erst 2045 — fünf Jahre vor dem Ziel der Klimaneutralität.
Wer profitiert? Chemieparks wie Leuna, Düngemittelfabriken wie SKW Piesteritz. Energieintensive Branchen, die ihre Wettbewerbsfähigkeit gefährdet sehen. Ihnen wird nachgegeben. Die Investitionspflicht der Unternehmen wird gelockert. Kostenlose Emissionsrechte werden bis 2038 verlängert. Die Mitgliedsländer sollen mehr Verantwortung für die Reinvestition der Einnahmen übernehmen — die Industrie wird erneut entlastet, nicht belastet.
Gleichzeitig plant die Kommission, die Dekarbonisierung durch höhere Investitionen aus den ETS-Einnahmen zu fördern. Ein zweiter Hebel. Wer eines ohne das andere liest, liest Werbung statt Wahrheit. Hinter dem Vorhang: zwei Versprechen, ein Haushalt.
Was fehlt im Glanz der Reform: Fälle von Vermeidungsbetrug, die die Integrität des Systems gefährden. Auf dem Markt, der das Klima retten soll. Wie viel davon — offen. Die Quellen schweigen, wo sie sprechen müssten.
Ja, der EU-ETS wirkt. Politische Reformen haben Zertifikatspreise und Effektivität erhöht. So stark, dass Brüssel ihn nun wieder schwächen muss. Das sagt mehr über die Industrie als über das Klima.
Schichten, die ich gelesen habe, sind älter als jede Reform. Verschoben wird keine Zahl — es ist die Geschwindigkeit, mit der sich die Atmosphäre füllt. Langsamer füllen heißt nicht: sich leeren.
Die Atmosphäre gehorcht keinen Beschlüssen. Nur dem Druck.
❖ Ende des Artikels ❖
