Linsen mit kurzem Gedächtnis
Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Auf dem Tisch: ein Artikel über Augen, die nichts vergessen wollen. AiVideoSurveillance verspricht das Gegenteil — lokale Verarbeitung, lokale Speicherung. Keine Cloud. Keine Verzögerung. Keine Kosten. Datenschutz als Verkaufsargument.
Wer profitiert? Die Hersteller. Wer zahlt? Der Passant, der nicht gefragt wird.
Seit 1956 hängen Kameras über deutschen Plätzen. Hamburg zuerst, für die Ampeln. Frankfurt 1960, Rotlicht. Wenig später rollen Kamerawagen auf Versammlungen — Masten sichtbar, Wirkung präventiv. Heute sind sie verschwunden, eingelassen in Laternen, eingegossen in Fassaden. Sichtbar war gestern. Unsichtbar ist heute.
Die Kriminalitätsraten sinken. Die Kameraanzahl steigt. Das hessische Innenministerium sagt, Aufklärung helfe. Die Linksfraktion fragte 2019 nach Belegen. Eine Antwort steht aus. Behauptung statt Beweis — die alte Masche.
Jetzt liest die Maschine mit. Gesichter, Gang, Gewohnheit. Real und die Deutsche Post testen Anzeigen, die den Passanten beim Namen kennen. Daten nur kurz gespeichert, sagen sie. Aber kurz ist lang genug, wenn die Linse einmal hingeschaut hat. Identifizierung passiert, ehe der Betroffene weiß, dass er erfasst wurde.
Die Kundschaft glaubt, Werbung sei Werbung. Die Ware sind wir. Das Auge verkauft, was es sieht.
Auch wer sich schützt, muss seine Schicht prüfen. WARP-Nutzer kontrollieren ihre Tunnel, Cloudflare verspricht verfügbare Routen, andere Proxies drängeln dahinter. Konfiguration entscheidet, welche Augen zuschauen. Der alte Draht, die alte Pflicht — nur die Frequenz ist höher.
Privatwirtschaft und Polizei, beide wollen sehen. Die einen für Reklame, die anderen für Akten. Werkzeuge fallen nicht vom Himmel. Jemand schmiedet sie. Jemand verkauft sie. Jemand drückt auf den Knopf.
Die Frage bleibt dieselbe wie 1937: Wer wacht über die Wächter?
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