ERSTES LNG-BUNKEN IN ROTTERDAM — SAUBERER RAUCH, ÖLRE KONTEN
Oktober 2018. Im Hafen von Rotterdam atmet die Cardissa aus, was die Gagarin Prospect schluckt: verflüssigtes Erdgas, tiefgekühlt auf minus einhundertsechzig Grad. Sechstausendfünfhundert Kubikmeter davon trägt der Shell-Tanker in seinem Bauch. Er füllt den Aframax-Tanker der Sovcomflot, den ersten seiner Klasse, der mit LNG statt mit Schweröl fährt. Erste Schiff-zu-Schiff-Bunkerung im Rotterdamer Hafen, erster LNG-betriebener Aframax, erster Vertrag zwischen Shell und Sovcomflot von 2017, der jetzt Früchte trägt. Eine Kette von Premieren, jede hübsch verpackt.
Wer profitiert? Zwei Namen stehen auf der Pressemitteilung: Shell und Sovcomflot. Shell liefert den Brennstoff und chartert das Schiff obendrein — ein Rundumgeschäft, sauber doppelt verbucht. Sovcomflot nennt es das „Green Funnel"-Projekt, arbeitet seit 2015 daran und präsentiert der Welt einen Tankerriesen, dessen Emissionen unter der Schwefelobergrenze von 0,5 Prozent bleiben, dessen Stickoxide sinken, dessen CO₂-Bilanz seit 2018 um über 56.000 Tonnen leichter sein soll. Der Hafen Rotterdam assistiert, der CEO spricht von Wandel.
Niemand spricht darüber, dass LNG kein Ende der fossilen Kette ist. Es ist eine Verlängerung. Methan rutscht durch jede Pumpe, jeder Kompressor ist ein Leck. Wer das misst, steht nicht im Programmheft. Unklar bleibt, wie viel Methan bei Förderung, Verflüssigung und Bunkerung entweicht — eine Zahl, die das Marketing nicht braucht.
Unklar bleibt auch, wer die Schwefelobergrenze wirklich durchgesetzt hat. Die IMO schrieb 2020 die 0,5 Prozent vor. Shell und Sovcomflot liefern jetzt die Konformität frei Haus. Regulierung wird zum Produkt. Der Rauch über der Nordsee wird dünner, das Konto bei Shell nicht.
Wer verschweigt? Die Raffinerien, deren Schweröl plötzlich keinen Käufer mehr findet. Die Werften, die Dual-Fuel-Schiffe bauen müssen. Die Küstenstädte, deren Luft reiner wird, während Methan in die Atmosphäre sickert.
Die Gagarin Prospect fährt. Die Cardissa füttert. Die Bilanz stimmt — nur nicht die der Erde.
Wasser sucht sich seinen Weg. Erdgas auch.
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