Pipelines aus Kurdistan, Schweigen aus dem Kreml
Die Erde hat Geduld. Sie hat die Anden gefaltet, den Ural gehoben, die sibirische Taiga mit zehntausend Jahren Moos bedeckt. Was sie nicht hat: Vertrauen in jene, die ihre Adern anzapfen und so tun, als wäre das Blut endlos.
Europa — hörst du? Du hast dir diese Abhängigkeit nicht eingebrockt. Sie wurde dir eingelötet. Rohre quer durch den Kontinent, Gazprom als Lieferant, Rosneft als Schattenriese dahinter. Wer die Ströme kontrolliert, kontrolliert die Politik. Wer die Politik kontrolliert, kontrolliert, was am Ende in der Atmosphäre landet.
Moskau hat das Pariser Abkommen ratifiziert — 2019, nach Jahren des Wegschauens, gefolgt von Putins Dekret im November 2020. Sechzig Prozent des russischen BIP hängen an Bodenschätzen. Da werden Klimaziele zu Buchhaltungstricks. Verglichen mit dem Jahr 1990, vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion, sieht jede Zahl grün aus. Gazprom, drittgrößter industrieller Treibhausgasemittler der Welt zwischen 1988 und 2015, hinter Saudi Aramco und chinesischer Kohle — kein Anzeichen, die Produktion zu drosseln. Gazprom und Rosneft zusammen: zweihundert Milliarden Dollar Umsatz im Jahr 2019. Geld genug für Wandel. Wille: Fehlanzeige.
Hier beginnt der Blick hinter den Vorhang. Rosneft will Gazproms Monopol auf dem europäischen Gasmarkt aufbrechen — mit einer Pipeline durch irakisches Kurdistan, dreißig Milliarden Kubikmeter, geplant für 2020. Ein Schlag gegen den eigenen Landsmann. Warum? Tarife und Gewinnmargen. Wer verdient, schweigt über Klimaziele. Wer schweigt, kontrolliert die Narrative.
Daneben sickern Praktiken durch, die in keinem Geschäftsbericht stehen: Firmenregistrierungen in Jurisdiktionen, die keine Fragen stellen. Routen über Iran und Syrien als Umgehungswege für Sanktionen. Whistleblower, die aufdecken, was Aufsichtsräte nicht sehen wollen. Die globale Regulierung, das wird deutlich, hat Löcher, durch die ganze Imperien passen.
Unklar bleibt, wessen Klima eigentlich zählt — das der Aktionäre in Zürich oder das der Permafrostböden in Jakutien, die längst zu tauen begonnen haben und den Geruch von verbrannter Erde in den Wind tragen.
Die Erde schreibt mit. Und sie kennt keine Bilanztricks.
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