DIE WAHRHEIT SCHMECKT NACH ASCHE
Schon wieder Drohnen. Schon wieder Charkow. Wieder diese diplomatische Floskel von „gegenseitigen Anschuldigungen" zwischen Moskau und Kyjiw. Gegenseitig — als ginge es um einen Zaunstreit zwischen Nachbarn.
Unabhängige Sender wie RFE/RL schreiben auf, was die offiziellen Stellen gern unter den Tisch fallen lassen. Recht haben sie. Wer sonst zählt die zerstörten Umspannwerke, die flächendeckenden Stromausfälle, die Wasserrohre, die seit Wochen trocken liegen? Der Kreml zählt die Treffer nicht. Kyjiw zählt Siege. Die UN beobachtet, verfasst Berichte und lässt sie in Archiven vergilben.
Was ich sehe, wenn ich die Meldungen übereinanderlege: Russland schickt Shahed-Drohnen — billig, langsam, präzise genug für Marktstände und Rettungswagen. Sie nehmen Feuerwehrleute ins Visier, die noch nach Verschütteten graben. Sie nehmen den Barabashowo-Markt ins Visier, immer wieder. Das ist kein Duell zweier Armeen. Das ist Krieg gegen die Bäckersfrau, die um sieben Uhr Brot holen will.
Internationales humanitäres Recht? Papier zwischen Aktendeckeln. UN-Beobachter und internationale Überwachungsgruppen sagen es laut. Niemand ahndet es.
Wer profitiert? Die Frage muss man stellen. Die Türkei verkauft Komponenten. Iran liefert Drohnen und lässt mitverdienen. Russlands Rüstungsschmieden brauchen Feinde, damit der Rubel rollt. Wer verliert, steht in Charkow: zerschossene Märkte, zerstörte Wohngebiete, langfristige wirtschaftliche Not, eine humanitäre Krise, die kein Quartalsbericht fasst. Mütter, die ihren Kindern nicht erklären können, warum der Himmel brennt und der Hahn trocken bleibt.
Unklar bleibt, wer in Moskau den Befehl gibt, einen belebten Markt zu treffen statt einen Militärkonvoi. Unklar bleibt, warum ukrainische „Vergeltung" angeblich chirurgisch wirkt und russische „Vergeltung" immer flächig. Es ist ein Muster. Muster haben einen Namen.
Die Welt fordert „entschlossenes Handeln", liefert Waffen, die zu spät kommen, und Hilfsgelder, die zu wenig bleiben. Die große Bühne spielt ihre Choreografie weiter, während unten der Barabashowo-Markt zum zweiten Mal abbrennt.
Kim unten singt heute etwas auf Koreanisch, das klingt wie Regen über Blech. Der Bourbon wird warm. Irgendwo in einer Moskauer Etage streicht jemand einen Haken auf einer Liste.
Charkow zittert. Und wir zittern mit.
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