Die NATO und der Himmel voller Lücken
Estland hat Artikel 4 gezogen. Polen lässt Eurofighter aufsteigen. Rumänien zählt Drohnen. Litauen, Dänemark, Schleswig-Holstein, München — die Liste wird länger, die Aufklärung schweigt. Was hier getestet wird, ist nicht die Luftabwehr. Es ist die Geduld.
Moskau schickt MiG-31 an die estnische Grenze, lässt sie umkehren, kurz bevor irgendjemand auf den Abzug drücken muss. Ein Manöver, das nichts kostet außer Scham. Man nennt es „Sapad" und meint den Westen. Die Drohnen über Polen sind billiger als die Lenkflugkörper, die sie jagen sollen. Generalinspekteur Breuer redet deshalb von „Kamikazedrohnen" und Monaten statt Jahren. In Soldatensprache ist das ein Geständnis.
Wer profitiert? Russland testet, wie weit der Bündnisfall reicht, wenn kein Schuss fällt. Testet, ob Artikel 5 auch für hybride Schäden gilt — für Drohnen über Flughäfen, für Kampfjets über Bohrinseln. Testet die Zusagen einer USA unter Trump, deren Bündnistreue so verlässlich ist wie ein Wetterbericht von vorgestern. Und testet die Souveränität kleiner Staaten, deren Neutralitätsgewohnheitsrecht niemand mehr zu zitieren wagt.
Die Völkerrechtler streiten derweil, ob ein Drohnenüberflug schon Anwendung oder Drohung von Gewalt nach der UN-Charta ist — eine Frage, die in Seminaren glänzt und in Brüssel nichts nützt. Denn wer nicht schießt, wenn ein Kampfjet in seinen Luftraum taucht, hat die Antwort längst gegeben.
Deutschland konzentriert sich auf kritische Infrastruktur — Drohnenschutz, Spionageabwehr, ein Fähigkeitenmix, der noch auf dem Reißbrett liegt. Spanische Eurofighter steigen für Litauen auf, italienische für Estland, die Bundeswehr weitet die Luftraumkontrolle über Polen aus. Jeder handelt für sich. Das Bündnis zerfällt nicht im Donner, sondern im Murmeln nationaler Alleingänge — und in der Ambivalenz Washingtons.
Unklar bleibt, wer hinter den Drohnen über Kopenhagen, Aalborg und München steckt. Spionage wird nicht ausgeschlossen. Das ist die ehrlichste Formulierung dieser Woche.
Wer am Himmel nicht klarmacht, dass er ihn verteidigt, braucht sich nicht zu wundern, wenn er ihn verliert.
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