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Verhandelt wird. Geschützt nicht

14. Juni 2026 — — — M. Silber

1937. Die Grenzen werden dichter. Ich zähle die Menschen davor.

In Brüssel sitzen sie jetzt. Endlich. Die Unterhändler der Union, die Beamten aus Kiew, die Diplomaten aus Chișinău. Der Tisch ist gedeckt, die Kameras warm, die Mikrofone geprüft. Es ist der Anfang von etwas, das Geschichte werden könnte — oder eine Fußnote in den Akten einer Union, die sich selbst nicht mehr versteht.

Lange hat Ungarn diesen Moment blockiert. Viktor Orbán, der Mann, der sich mit Moskau versteht und in Brüssel das Wort führt, hat ein Veto nach dem anderen in den Weg gelegt. Formal ging es um Minderheitenrechte, um Sprachen, um die Ukraine selbst. In Wahrheit ging es um das, was in diesen Räumen immer zählt: um Macht, um Geld, um eine Vorstellung von Europa, die nicht meine ist.

Jetzt ist das Veto vom Tisch. Ein Deal. Ein Kompromiss. Ein ukrainisches Zugeständnis — ich weiß es nicht genau, ich weiß nur, was offiziell gesagt wird. Und offiziell wird viel gesagt. Die Beitrittsgespräche sind eröffnet. Die Ukraine macht Fortschritte auf dem Schlachtfeld, heißt es. Beides steht in denselben Nachrichten, als wäre es dasselbe.

Ich denke an Olexandr. Ich habe ihn in einem Wiener Asylamt kennengelernt, vor drei Jahren, als er aus Charkiw kam. Vier Sprachen, zwei Kinder, ein gebrochener Arm, ein Asylantrag, der monatelang zwischen Ämtern kreiste. Olexandr sagte immer: „Europa ist ein Versprechen. Versprechen kann man brechen." Ich habe das nie vergessen.

Jetzt, da Europa sein Versprechen erneuert — Beitrittsgespräche, Mitgliedschaft, irgendwann vielleicht eine Flagge auf dem Maidan — frage ich mich, was Olexandr davon hält. Er ist längst zurück in Kiew, sagt eine Bekannte. Er hat sich freiwillig gemeldet. Er kämpft nicht um die EU. Er kämpft um sein Haus.

In Chișinău sieht es anders aus. Moldau ist nicht im Krieg. Moldau ist im Stillstand, in einer politischen Schwebe zwischen Brüssel und Moskau, zwischen Hoffnung und Gewohnheit. Für Moldau sind diese Gespräche vielleicht mehr als für die Ukraine — eine endgültige Antwort auf die Frage, wohin dieses kleine, kluge, müde Land gehört. Maia Sandu hat das oft genug gesagt. Laut genug, dass es sogar Orbán hört.

Ich sitze im Redaktionsraum. Der Koffer steht unter dem Schreibtisch. Ich trinke kalten Kaffee. Ich denke an Paragrafen. Ich kenne den Acquis Communautaire, die 35 Kapitel, die Übergangsfristen. Ich weiß, dass Beitrittsgespräche Jahre dauern. Jahrzehnte manchmal. Ich weiß, dass die Türkei seit 1999 vor dieser Tür steht und noch immer keinen Schritt weiter ist. Ich weiß auch, was die Ukraine gerade zahlt — jeden Tag, in Blut, in zerstörten Städten, in Witwen und Waisen — für das Recht, an diesem Tisch sitzen zu dürfen.

Die Union sagt: Wir verhandeln. Die Union sagt nicht: Wir beschützen.

Der Unterschied ist wichtig. Er ist der wichtigste Satz in diesem ganzen Theater. Denn während die Kameras auf die Unterhändler gerichtet sind, fallen Bomben auf Charkiw, auf Saporischschja, auf Donezk. Die Ukraine macht Fortschritte auf dem Schlachtfeld, ja. Aber Fortschritte in einem Krieg sind kein Sieg. Fortschritte sind das, was zwischen den Trümmern wächst, wenn niemand hinschaut.

Orbán hat sein Veto fallen lassen. Warum, weiß niemand genau. Vielleicht war es der Druck aus Washington, vielleicht die Aussicht auf Milliarden, vielleicht die schlichte Angst, am Ende der Geschichte auf der falschen Seite zu stehen. Orbán ist ein Pragmatiker. Sein Pragmatismus ist gefährlicher als seine Ideologie, weil er immer einen Ausgang findet.

Was bleibt, ist ein Anfang. Ein Anfang, der zu spät kommt und zu früh ist, der Hoffnung und Zynismus zugleich nährt. Die Ukraine verhandelt, während sie kämpft. Moldau verhandelt, während es wartet. Europa verhandelt, während es zusieht.

Ich packe den Koffer nicht aus. Noch nicht. Aber ich weiß, wo er steht.

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