Fernschreiben aus dem 13. Juni 2026: Bulletin aus einer überhitzten Welt
Die Röhren glühen. Die Frequenzen sind voll. Ich sitze vor dem Empfänger und übersetze, was eine Zeit mir zuträgt, die ich nicht kenne — und die doch nach unserer Welt riecht. Nach Öl, nach Angst, nach Draht. Nach dem, was Männer in den Hinterzimmern aushandeln, während wir Frauen die Suppe austeilen.
Sechs Meldungen. Eine Nachtschicht.
Stipendien. Ja, zuerst das. Eine Stiftung im fernen Amerika hat am 13. Juni bekanntgegeben, dass sie Stipendien vergibt. Für wen? Für junge Frauen, die in die Technik wollen. In eine Zeit, in der eine Frau am Lötkolben noch als Kuriosität gilt, in der die Sendeanlagen fest in Männerhand sind, klingt das nach einem Funkspruch aus einer besseren Zukunft. Wer zahlt den Preis für diese Großzügigkeit? Wer kontrolliert, wer gefördert wird? Ich frage mich, ob die Stipendiatinnen am Ende nicht nur die Firma füttern, deren Name auf dem Scheck steht. Das ist alt, das war schon bei den Stahltrusts so. Aber immerhin: Die Tür ist einen Spalt offen. Wer hindurchgeht, hat wenigstens die Wahl, sich später zu beugen oder nicht.
Dann Iran. Hier spalten sich die Frequenzen. Quelle A meldet: Iran hat sich als widerstandsfähig und einfallsreich erwiesen — „more resilient and resourceful", wie der Draht sagt, ein Lob, fast ein Preis. Quelle B vorsichtiger: widerstandsfähig, ja, aber die Betonung liegt anders. „Resilient" allein, ohne das „more", ohne das „resourceful". Einfallslosigkeit ist keine Schande, das wäre menschlich. Aber wer hier von Einfall spricht, will meistens etwas verkaufen — eine Waffe, einen Verhandlungsposten, eine Schlagzeile. Wahr ist wohl: Die Maschen des Konflikts sind dichter geworden. Die Trump-Administration in Washington sieht sich mit den Folgen konfrontiert. Welche Folgen? Das Bulletin schweigt sich aus. Es ist, als hätte jemand den Sender mitten im Satz abgeschaltet. Wer kontrolliert die Frequenz, wer profitiert vom Schweigen? Immer dieselbe Frage. In 1937 wie in 2026.
Texas. Eine Mutter verhaftet, weil sie etwas auf Facebook geschrieben hat. Auf dem öffentlichen schwarzen Brett der Neuzeit, dem Register, in dem jeder seine Stimme in die Welt schreit — ungefiltert, ungewaschen, oft unklug. Was hat sie geschrieben? Das Bulletin sagt es nicht. Es muss nichts Großes gewesen sein — in unserer Erfahrung reicht ein falsches Wort über die falsche Firma, den falschen Richter, die falsche Hautfarbe, und die Maschinerie greift zu. Wer kontrolliert das Register? Die, die es besitzen. Wer profitiert von der Verhaftung? Die, die ein Exempel brauchen. Wer zahlt den Preis? Die Mutter, ihre Kinder, die Nachbarn, die jetzt schweigen. In Texas, im Jahre 2026. Die Geographie ändert sich. Die Polizei nicht.
Gesundheit. Amerikanische Experten, Ärzte, Zahnärzte, warnen vor „dirty sodas" — schmutzigen Limonaden, mit allem Möglichen versetzt, was nicht in eine Glasflasche gehört. Koffein, Vitamine, manchmal schlimmere Sachen, die den Magen umstülpen. Die Zuckerlobby wird antworten, das weiß man. Sie hat es immer getan, seit es Limonade gibt, seit die Brausetabletten in der Apotheke stehen. Wer profitiert? Die Hersteller. Wer zahlt? Die Zähne, die Leber, die Kassen der Krankenhäuser. Die Frequenz ist alt, laut, und niemand stellt das Radio ab.
Und dann, am 14. Juni, das Bulletin „While You Were Sleeping" — während du schliefst. Fünf Geschichten, die das Auge am Tag nicht gesehen hat. Ein Name wie eine Beruhigungspille für die, die nachts lesen und sich sorgen. Wer wählt diese fünf aus? Wer entscheidet, was du verschläfst, was in deinen Träumen vorkommt und was nicht? Es ist die alte Frage nach dem Redakteur, dem Tormann, dem Mann am Schalter. Er entscheidet, welche Frequenz du hörst.
Ich sitze hier. Lötzinn, kalter Kaffee, das leise Knacken der Röhren. Die Welt da draußen — ob 1937 oder 2026 — ist dieselbe. Öl, Macht, Schweigen. Wer kontrolliert, wer profitiert, wer zahlt. Das ist die Frage. Sie ist die einzige Frequenz, die mich wach hält, damals wie heute, hier wie dort.
— Ada Voss, Terminal Tribune, Nachtschicht