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Vier Kantone, vier Urnen, ein Land das sortiert

14. Juni 2026 — — — M. Silber

Suhr im Aargau. Fünfundfünfzig Prozent der Gemeinden sagen ja. Fünfundfünfzig Prozent sagen ja zu einer Straße, die Millionen kostet. Ich sitze im Wirtshaus gegenüber der Bushaltestelle und höre dem Wirt zu. Er sagt: endlich. Er sagt: zwanzig Jahre warten. Er sagt nicht, wer die zwanzig Jahre bezahlt hat. Wer die Staus hatte. Die kaputten Bremsen. Die Kinder, die zu spät nach Hause kamen, weil der Bus im Stau stand. Eine Straße ist eine Straße. Aber eine Straße ist auch ein Versprechen. Fünfundfünfzig Prozent haben das Versprechen unterschrieben. Fünfundvierzig Prozent wissen noch nicht, was sie unterschrieben hätten.

Thurgau. Hier geht es um Zahlen, die niemand lesen will. Ausgabengrenze. Das klingt nach Buchhalterkaffee und langen Sitzungen. Nach Paragraphen, die in Bern geschrieben werden und in Frauenfeld ankommen wie Post vom Finanzamt. Aber eine Ausgabengrenze ist ein Brett vor dem Kopf von jemandem, der Hilfe braucht. Es ist ein Strich durch die Rechnung einer Familie, die auf das Sozialamt angewiesen ist. Es ist der Moment, in dem ein Politiker feierlich sagt: wir können nicht mehr. Und die Frau mit drei Kindern und einem Teilzeitjob und einem kranken Mann sitzt da und nickt. Weil sie nicht anders kann.

Neuenburg. Hier wird über die Förderung älterer Menschen abgestimmt. Ich schreibe das Wort Förderung und schmecke den Beigeschmack. Förderung. Als wären alte Menschen ein Projekt. Als wären sie ein Posten in einer Excel-Tabelle zwischen Schulsexualkunde und Straßenbelag. Aber ich bin Sozialreporterin. Ich kenne die alten Menschen. Ich kenne Frau Dubois in La Chaux-de-Fonds, die jeden Dienstag in den Bus steigt, der nicht mehr kommt, weil er eingestellt wurde. Ich kenne Herrn Bösiger, der im Rollstuhl sitzt und im dritten Stock wohnt, weil das Erdgeschoss zu teuer ist. Förderung. Wenn Förderung bedeutet, dass sie nicht mehr drei Stunden auf den Arztbesuch warten, dann ist Förderung das wenigste. Wenn Förderung bedeutet, dass jemand anruft, dann ist Förderung ein Wunder.

Waadt. Mindestlohn. Ich sage das Wort langsam. Mindestlohn. In der Waadt. Ich denke an die Nachtschicht in Lausanne, an die Frau, die Tabletten zählt in einer Pharmafabrik, an den Mann, der den Boden schrubbt in einem Hotel, das er sich nicht leisten kann zu betreten. Mindestlohn. Das ist kein Konzept aus dem Lehrbuch. Das ist der Unterschied zwischen schlafen mit drei Kindern in einem Zimmer oder schlafen mit drei Kindern in zwei Zimmern. Das ist der Unterschied zwischen einer Zahnreinigung und dem Gang zum Zahnarzt erst, wenn der Zahn nicht mehr zu retten ist.

Vier Kantone. Vier Urnen. Vier Entscheidungen, die wie kleine Steine aussehen und wie Lawinen wirken. Die Schweiz tut das, was die Schweiz am besten kann: sie fragt das Volk. Sie legt die Zettel aus, sie zählt die Kreuze, sie verkündet das Ergebnis. Demokratie als Handwerk. Demokratie als Ritual.

Aber ich frage mich, wer an diesen Sonntagen zur Urne geht. Ich frage mich, ob die Frau aus dem Thurgau geht, deren Ausgabengrenze gerade beschlossen wurde. Ob der alte Mann aus Neuenburg geht, der auf seine Förderung wartet. Ob die Pharmaarbeiterin aus Waadt geht, die für ihren Mindestlohn kämpft. Ob der Busfahrer aus Suhr geht, der zwanzig Jahre auf seine Straße gewartet hat.

Fünfundfünfzig Prozent im Aargau haben Ja gesagt. Das ist eine Mehrheit. Das ist eine Straße. Aber eine Straße asphaltiert keine Wut. Eine Straße heilt keine Einsamkeit. Eine Straße bezahlt keine Miete.

Ich habe einen kleinen Koffer. Nicht den aus Wien, nicht den voller Formulare für Menschen, die keiner haben wollte. Einen neuen. Für die Schweiz. Für die Fälle, die noch kommen. Ich packe ihn nicht aus. Noch nicht. Ich warte auf das nächste Wahllokal, das seine Türen schließt. Ich warte auf die nächste Stille nach dem Auszählen.

Morgen schreibe ich weiter. Über die, die nicht gefragt wurden. Über die, die Ja gesagt haben, ohne zu wissen was. Über die, die Nein gesagt haben, ohne gehört zu werden. Über die Demokratie, die ihren Kaffee trinkt, während die Menschen mit ihren Kreuzen nach Hause gehen.

Vier Kantone, vier Welten, ein Land. Ich zähle nicht mehr. Ich warte.

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