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Die Mauer kennt das Klima nicht

16. Juni 2026 — — — Prof. Kessler

Man schreibt das Jahr 1937 nicht mehr. Man schreibt 2026, und die Mauern sind aus Papier und Paragraphen. Eine neue Erhebung — eigentlich eine simple Datenbetrachtung des Guardian — hat gezählt, was Washington offenkundig nicht zählen wollte: Von 39 Ländern, deren Bürgern die Einreise in die Vereinigten Staaten vollständig oder teilweise verwehrt wird, liegen 22 im verwundbarsten Viertel aller Staaten dieser Erde, gemessen an der Klimakrise.

Die Daten stammen vom Notre Dame Global Adaptation Initiative. Wer zahlt, fragt der Leser zu Recht. Notre Dame ist eine Universität, katholisch, mit Midwestern-Background und einem Stammbaum an Klimaforschern, die den Index über Jahre aus den Böden Indiens und Bangladeschs mitentwickelt haben. Keine Greenpeace, keine Sierra Club. Das Geld kommt aus Stiftungen und Forschungsbudgets, nicht aus politischen Lagern. Die Methodik ist offen, der Index reproduzierbar, die Variablen sind benannt. Danielle Wood, Associate Professor dort, sagt es in einem Satz, der in keiner Pressemitteilung stehen wird, weil er zu wahr ist: „Nearly all of the most vulnerable countries are on a ban or visa pause."

Was bedeutet das? Es bedeutet: Die Länder, deren Bewohner am wenigsten zur Erwärmung der Atmosphäre beigetragen haben, sind genau jene, denen die Türen des größten historischen Emittenten verschlossen werden. Pro-Kopf-Emissionen, das wissen wir seit dem ersten Sachstandsbericht des Weltklimarats, sind in den Sahel-Staaten niedriger als in jeder Vorortsiedlung von Phoenix, Arizona. Trotzdem stehen sie auf der Liste. Tschad und Niger, die beiden laut Index verwundbarsten Staaten der Welt, sind vollständig gesperrt. Sudan, Somalia, Sierra Leone — ebenfalls unter den ersten Zehn — ebenfalls gesperrt. Menschen aus diesen Ländern, so die neue Ordnung in Washington, kommen nicht mehr hinein. Nicht als Tourist, nicht als Student, nicht als Asylsuchender.

Honduras, irgendwo in der verwundbaren Hälfte, kennt das alles schon. Evelyn, die ihren vollen Namen nicht nennen will, war ein Mädchen, als Hurricane Mitch 1998 das Land zerschlug. Siebentausend Tote, Hunderttausende obdachlos, Brücken weggerissen, Ernten vernichtet. Die Verwandten in New York riefen damals über ein Festnetztelefon: Bringt die Kinder her. Bringt die Kinder her. So klingt Klimamigration, bevor sie Klimamigration heißt. Bevor es überhaupt einen Begriff dafür gibt. Es klingt wie eine Bitte, geschickt über sechs Zeitzonen, eine Verwandtschaftsleitung nach Uptown. Es klingt nach dem, was die Menschheit seit Jahrtausenden tut: vor dem Wasser fliehen, vor dem Feuer fliehen, vor dem Hunger fliehen. Nur dass die Tore, die einst offen standen, in Washington nun mit Verordnungen verriegelt werden, datiert, gestempelt, in Kraft.

Parallel — und das ist der eigentliche Skandal, der im politischen Washington niemanden mehr schockiert — fördert dieselbe Regierung, die da Einreisen sperrt, die fossilen Brennstoffe, die das Klima weiter aufheizen. Mehr Öl, mehr Gas, mehr Kohle, genehmigt auf Bundesland, gelobt auf Wahlkampfveranstaltungen. Die Physik lässt sich nicht verbieten. Ein Grad Erwärmung kennt keine Grenzkontrollen. Wer in einer karibischen Bucht lebt, deren Wasser steigt, dessen Reisepass wird dadurch nicht amerikanischer. Wer in Mogadischu bei achtundvierzig Grad im Schatten verdurstet, dessen Asylantrag wird nicht schneller bearbeitet, nur weil Washington gleichzeitig die Pipelines ausbaut, die sein Leid vergrößern. Es ist, als würde man das Feuer löschen wollen, indem man Benzin darüber gießt und gleichzeitig die Feuerwehr von der Tür wegschickt.

Ich habe in dreißig Jahren viele Statistiken gesehen. Manche wurden in Auftrag gegeben, um das Gegenteil dessen zu zeigen, was sie bewiesen. Manche verschwanden in Schubladen, wenn der Auftraggeber die Konsequenzen nicht mehr mochte. Manche wurden in Talkshows zitiert und in den Folgetagen dementiert. Diese hier hat den Vorteil, dass sie eine schlichte Korrelation zeigt: je verwundbarer, desto ausgesperrt. Wer eine Kausalität sucht, suche sie in den Reden der Administration. Er wird sie nicht finden, nur Beschwichtigung. Wer eine Kausalität leugnet, ignoriert die Mathematik der Wirbelstürme, der Dürre-Indizes, der Meeresspiegelprojektionen, der Hitzetoten in den Slums von Khartum. Die Atmosphäre führt keine Akten. Sie kennt keine Ausnahmen. Sie kennt keine Visa.

Die Pfeife schmeckt nach etwas Süßem, einer türkischen Mischung, die mir ein Kollege aus Izmir schickte, bevor die Welt sich weiterdrehte. In den Laboren durfte ich das nicht. Dreißig Jahre Forschungsarbeit, Open-Air-Pfeife im Reinraum, gesperrt vom Sicherheitsbeauftragten nach der dritten Verwarnung. Heute, am Schreibtisch der Tribune, schmeckt sie nach Klarheit. Klarheit darüber, dass Klimapolitik nie nur Klimapolitik war. Sie ist immer auch Migrationspolitik. Sie ist immer auch Außenpolitik. Sie ist immer auch die Frage, wem das Recht auf Bewegung zusteht und wem nicht — gestellt von jenen, die selbst am meisten bewegt wurden, deren Vorfahren die Grenzen passierten, die heute andere schließen.

Evelyn ist heute eine Frau, irgendwo zwischen dreißig und fünfzig, irgendwo in Brooklyn oder Queens. Sie hat das Einreiseformular ihrer Mutter ausgefüllt, damals, als es noch Formulare gab, die niemand als Klimaapokalypse verstand. Heute versteht man. Man schaut nur weg. Und während man wegschaut, wachsen die Listen, eine Verordnung nach der anderen. Während die Listen wachsen, steigt das Wasser. Während das Wasser steigt, wächst der Druck auf jene, die keine Pässe haben, die keine Visa bekommen, die keine Anwälte bezahlen können, die keine Petitionen in englischer Sprache verfassen.

Wer, frage ich mich zum Schluss in die Pfeife hinein, wird das nächste Land auf die Liste setzen, während das Wasser steigt und die Felder verdorren — und wer wird noch zählen, wenn das Zählen selbst verboten ist?

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