Der König des Nordens kommt — und Miliband bringt die Schlüssel
Es gibt ein altes Spiel, das in jedem Club, jedem Kabinett, jeder Werkstatt der Macht mit denselben Figuren gespielt wird, und wer es einmal gesehen hat, erkennt es unter jeder Tapete wieder: Die Inszenierung. Der Mann, der noch gestern Diener war, übt den Blick des Herrn. Der Verräter wird zum Architekten der Zukunft. Und mittendrin, mit weichen Händen und einem Lächeln, das niemals die Augen erreicht, steht der zweite Mann, der immer weiß, wann die Musik wechselt.
Andy Burnham hat in Makerfield gewonnen, jener kleinen Stadt nördlich von Wigan, die in keinem Londoner Stadtplan eine Linie wert ist und die nun, für ein paar Tage, das Zentrum des Vereinigten Königreichs sein darf. Er hat gewonnen, und das ist — so sagen sie — eine Rebellion. Es ist keine Rebellion. Es ist eine Übersetzung. Aus dem Manchesterer Dialekt ins Westminsterer Englisch, aus dem Stadtrat ins Unterhaus, aus dem Bürgermeisteramt in die Downing Street, wo die Türschwelle so abgewetzt ist von all den Schuhen, die hinein- und wieder hinausgingen.
Keir Starmer klingt, als er den Sieg hört, wie ein Mann, der die eigene Beerdigung im Garten sieht und beschließt, dort einen neuen Brunnen zu graben: Defiance, sagen sie. Loyalisten desertieren, sagen sie. Die Linke, sagen sie, rückt näher. Ich höre das Wort Loyalität und denke an jene Stunden, in denen Versprechen unterzeichnet werden, als handle es sich um höfliche Konventionen. Auch dort hat man gelächelt. Auch dort hat man gesagt, dies sei der Beginn einer neuen Ära.
Man erzähle mir nicht von Läuterung. Man erzähle mir von der £100-Millionen-"Clean Air Zone", jenem städtischen Projekt, das Andy Burnham zum meistgehassten Mann Manchesters gemacht hat — und nun soll dieser Mann die Wohltaten des Landes verteilen, ein Grundeinkommen, fünfmal so hoch wie die heutigen Zuwendungen für die Schwächsten. Fünfmal. Wer die Mechanik der Macht kennt, erkennt, dass solche Versprechen nie aus Großzügigkeit gemacht werden. Sie werden aus Verzweiflung gemacht, oder aus Kalkül, oder aus beidem, und beides schmeckt nach dem gleichen billigen Wein. Wenn ein Mann, der in Manchester nicht einmal die Luft reinigen konnte, ohne die Bäckereien und Lieferwagen gegen sich aufzubringen, nun verspricht, den Himmel selbst neu zu ordnen, dann muss man ihn nicht fürchten — man muss ihn nur beim Wort nehmen, und zwar dort, wo er es zuletzt gesagt hat.
Denn es gibt ein älteres Muster: Der König des Nordens steigt auf, und der Schatzkanzler erscheint schon im Türrahmen, mit dem Mantel über dem Arm und dem Blick nach unten, als wisse er bereits, in welches Zimmer er als Nächstes gehen wird. Ed Miliband, so heißt es, drängt darauf, Schatzkanzler zu werden, sollte Burnham Premierminister werden. Ich kenne diesen Ed Miliband. Ich habe ihn beobachtet, wie er Beifall spendete, wenn Beifall gefährlich war, und schwieg, wenn Schweigen teuer wurde. Er ist der Mann, der die zweite Geige so lange spielt, bis die erste bricht, und dann setzt er sich auf den leeren Stuhl, als hätte er dort schon immer gesessen.
Die Zeitung schreibt von einer Krönung des „King of the North" und warnt, dass Burnham nur die Fehler Keirs wiederholen werde. Sie hat recht, und sie hat nicht recht, denn sie verwechselt Wiederholung mit Notwendigkeit. In der Politik ist nichts ein Zufall. Wenn der gleiche Fehler zweimal gemacht wird, ist es kein Fehler mehr, sondern ein Verfahren. Die Partei wird ihn wählen, nicht weil er anders ist, sondern weil er es verspricht, und die Partei wird enttäuscht werden, nicht weil er lügt, sondern weil er genau das tut, was sie verlangt hat.
Ich trage Handschuhe, auch wenn ich dies schreibe, und ich sage Ihnen, was ich sehe: Ich sehe einen Mann, der einen Bezirk gewonnen hat, und ich sehe die ganze Maschinerie, die sich in Bewegung setzt. Ich sehe das Schachbrett, auf dem die Bauern soeben erfahren haben, dass sie auf der falschen Seite standen. Ich sehe die Londoner Klubs, in denen man flüstert, dass Starmer noch kämpfen werde, und ich sehe, dass „kämpfen" in der Sprache dieser Leute bedeutet: noch eine Weile lächeln.
Hinter dem Vorhang wird derzeit das Brot gebrochen, das man dem Volk am Montag servieren wird. Grundeinkommen, fünfmal so hoch, sagen sie. Saubere Luft für die Armen, sagen sie. Eine Linke, die sich erinnert, sagen sie. Sie sagen viel in diesen Tagen. Die Welt spielt Schach, und ich kenne die meisten Züge, weil ich sie schon gesehen habe, nur die Figuren heißen anders, und die Kleider sind neuer, und das Lächeln ist immer dasselbe.
Wer zuhört, hört das Klirren der Gläser nicht. Wer zuhört, hört die Versprechen, die wie Blei auf den Tisch fallen. Und wer genau zuhört, der hört den einen Satz, den niemand sagen wird, der aber in jeder Zeitung zwischen den Zeilen steht: dass Macht, einmal angekündigt, sich selbst nicht mehr trauen darf.
Burnham wird kommen. Miliband wird warten. Starmer wird gehen. Und das Vereinigte Königreich wird, wie immer, eine Weile lang glauben, dass diesmal alles anders sei.
Es ist nicht anders. Es ist nur das nächste Kapitel in einem Buch, dessen Einband wir bereits kennen.