Wenn die Stadt schwitzt und die Akten kühl bleiben
Die Hitze kommt zuerst. Sie kündigt sich an in den Morgenstunden, wenn die Luft über den Dächern von Magdeburg noch klar erscheint, dann aber schwer wird, klebrig, wie ein Versprechen, das niemand halten will. Tropennächte nennen sie das jetzt, diese Stunden, in denen das Thermometer nicht mehr fällt, der Körper keine Ruhe findet, der Puls sich weigert zur Ruhe zu kommen, das Herz arbeitet, als müsste es einen Berg erklimmen, der gar nicht existiert. So steht es geschrieben in den Broschüren der Gesundheitsämter, die jetzt in jeden Briefkasten flattern. Der Mensch, heißt es dort, reagiere. Er reagiere mit Schwindel, mit Übelkeit, mit einer Lähmung, die nicht politisch sei, aber durchaus politisch gemacht werden könne.
Städte wollen der Hitze trotzen. Sie pflanzen Bäume, sie kalken Fassaden, sie öffnen Brunnen, die früher Springbrunnen waren und jetzt Rettungsinseln heißen. Halle investiert. Magdeburg investiert. Die Kommunen tun, was Kommunen tun, wenn die Sonne zum Feind wird: sie verwalten das Unabwendbare. Man spricht von Hitzeschutzplänen, von kühlen Räumen in Schulen, von Trinkwasserbrunnen, an denen sich die Alten treffen und die Jungen ihre Wasserflaschen füllen. Es klingt nach Fürsorge. Es ist Fürsorge, gewiss, aber auch ein stilles Eingeständnis, dass die Infrastruktur dieses Landes an ihren Rändern längst bröckelt, dass die Krise, von der keiner mehr spricht, weil jeder sie kennt, keine Meinung ist, sondern eine Mauer, gegen die man läuft.
Nun zur Hitze anderer Art. Denn während über Sachsen-Anhalt die Sonne brennt, brennt unter ihr ein anderes Feuer, eines, das keine Broschüre mildern kann. Die AfD, diese Partei der vermeintlich kalten Köpfe und heißen Herzen, wird hier getragen vom Mittelstand. Nicht von den Verzweifelten allein, nicht von den Vergessenen, die immer gemeint sind, wenn jemand „Wutbürger" flüstert, sondern von Handwerksmeistern, von mittelständischen Unternehmern, von Familien, die über Generationen hinweg solide wirtschaften und nun, so wird erzählt, der AfD ihre Stimmen leihen, weil die CDU sich entfernt habe. Oder weil die CDU sich genähert habe. Man weiß es nicht so genau. Die Wahrheit liegt, wie so oft, in der Grammatik des politischen Satzes: CDU und AfD, näher, man hört es, man sieht es, man bestätigt es nicht.
Widersprüche, sagt man, gibt es keine. Doch jeder, der zwischen Magdeburg und Halle mit offenen Augen reist, sieht sie. Die mittelständischen Unternehmen, die einst das Rückgrat der bürgerlichen Parteien waren, rücken herüber. Sie rücken nicht laut. Sie rücken in Tabellen, in Umfragen, in Gesprächen, die bei Geschäftsessen geführt werden, wenn der Wein die Zungen löst und die Zahlen die Geduld. Sie rücken, weil sie glauben, dass die AfD diejenige sei, die noch hinschaue, wo andere längst wegschauen. Eine gefährliche Verwechslung. Hinschauen ist nicht dasselbe wie hinsehen.
Das BSW, das Bündnis Sahra Wagenknecht, sitzt derweil in einer Ecke des Schachbretts und wartet. Es könnte, so munkelt man, mit Enthaltung der AfD in Sachsen-Anhalt helfen. Es könnte also das sein, was man früher einen Königsmacher nannte, jene Figur, die sich nie selbst bewegt, aber das Feld so verschiebt, dass andere fallen müssen. Enthaltung ist keine Zustimmung, sagt das Protokoll. Enthaltung ist ein Veto aus der Ferne, eine Lähmung mit Stil, die genau jene Mehrheiten verhindert, die niemand offen will. Man verhandelt. Man lächelt. Man einigt sich auf Nichts, das nach Etwas aussieht.
Doch es gibt einen Punkt, an dem das Lächeln aufhört. Es gibt einen AfD-Politiker, der zugleich Polizist ist, oder war, oder ist – die Zeitformen verschwimmen in diesen Tagen –, und es gibt den Vorwurf, dass über ihn, über seine Partei, eines Tages geheime Informationen des Verfassungsschutzes fließen könnten. Informationen, die in Akten lagern, die als Verschlusssachen gekennzeichnet sind, die niemand sehen soll, der nicht zuvor einen Eid geschworen hat. Geheime Informationen, die, einmal in den falschen Händen, nicht mehr geheim sind, sondern Munition. Es ist ein alter Mechanismus. Ich kenne ihn aus Jahren, in denen ich Männern in guten Anzügen zusah, wie sie sich einig wurden, dass Transparenz eine Tugend sei, solange sie nur die anderen beträfe. Die Handschuhe, die ich trage, sind nicht aus Leder. Sie sind aus Vorsicht.
Die Ostsee, die zu unser aller Landschaft gehört, wird derweil zum sicherheitspolitischen Brennpunkt Europas. Sie wird es nicht durch ihre Wellen, sondern durch das, was unter ihnen liegt: Kabel, Datenströme, Patrouillen, Absprachen zwischen Hauptstädten, die sich nicht immer trauen. Sachsen-Anhalt hat keine eigene Küste. Aber Sachsen-Anhalt hat Beamte, die über die Landesgrenzen hinaus wirken, und Unternehmen, die an der Ostseeküste liefern, und eine Landesregierung, die nun entscheiden muss, wie sie sich positioniert, wenn der Wind von Nordosten dreht. Die Hitze, die wir oben beschrieben haben, ist eine Metapher, die manchmal zu wörtlich wird.
Man sieht also: dieser Sommer ist keiner, der sich mit Brunnen und Broschüren allein bestehen lässt. Die Städte trotzen der Hitze, ja, aber die Stadt, das wissen wir, ist mehr als Pflaster und Luft. Die Stadt ist auch ein Raum der Politik, in dem die Masken fallen, wenn die Temperatur steigt. Wer jetzt noch glaubt, dass sich die Dinge von allein ordnen, der hat den Schachzug nicht gesehen, der gerade vorbereitet wird. Er steht auf dem Brett. Er trägt Handschuhe. Er lächelt.