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JALISCO UND DAS KARTELL DER STILLEN

19. Juni 2026 — — — Kastner

Es gibt Verschwörungen, die keine Theorie brauchen. Sie stehen in den Zeitungen, gedruckt zwischen den Annoncen für Parfüm und Politik. Man liest sie nicht. Man riecht sie. Mexiko im Jahre unserer Unruhe riecht nach Pulver, nach Verbranntem, nach dem süßen Harz der Pinien, das niemand mehr atmen will.

Nemesio Oseguera Cervantes, den die einen El Mencho nennen und die anderen beim dritten Wort bereits verschlucken, ist ein Mann, der nicht existieren darf, um zu existieren. Die Kartelle brauchen keine Gesichter mehr. Sie brauchen Aktenzeichen. Aktenzeichen aber werden in Washington ausgefertigt, in den Hauptstädten notiert, in den Korridoren als Flüstern weitergegeben wie einst die Liebesbriefe der Höfe.

Am siebenundzwanzigsten Februar haben die Vereinigten Staaten ihre Operationen begonnen. Dies ist keine Vermutung, dies ist eine Datenzeile in einem Protokoll, das kein Mensch je zu Gesicht bekommen wird. Was die Operationen bezweckten, darüber streiten sich die Quellen mit der Leidenschaft von Erben, die um ein Testament ringen. Quelle A, ein Mann mit randloser Brille und einem Lächeln, das niemals die Augen erreicht, spricht von präzisen Schlägen gegen die CJNG, von Jalisco, von der Säuberung einer Region, die zur offenen Wunde geworden ist. Quelle B, eine Frau, deren Handschuhe selbst beim Telefonieren nicht abgelegt werden, spricht von Routen, von Namen, von Verbindungen, die bis in die Verwaltungen der gesamten Hemisphäre reichen — und die kein Diplomat beim ersten Glas Wein preisgeben würde.

Beide haben recht. Beide lügen. Das ist die Geometrie der Macht, die ich in Genf gelernt habe, als Männer vor Verträgen standen und sagten: dies ist der Preis des Friedens. Ich habe ihnen die Hand gegeben. Sie trugen Handschuhe. Ich auch.

Die Instabilität, von der die Depeschen sprechen, ist keine Instabilität der Straßen. Sie ist die Instabilität der Erzählung. Die mexikanische Regierung spricht von Souveränität, die amerikanische Regierung spricht von Kooperation, und zwischen beiden Reden wächst ein Wald aus Schweigen, in dem die Leichen verschwinden, bevor sie gezählt werden. El Mencho, heißt es, ist verletzt. El Mencho, heißt es, ist tot. El Mencho, heißt es, ist auf dem Weg nach Norden, begleitet von Konvois, die niemand sehen darf. El Mencho ist der perfekte Abwesende — ein Name, der so oft genannt wird, dass er seine Substanz verliert wie eine Münze, die zu oft den Besitzer wechselt.

Was ich weiß, nach dreißig Jahren zwischen den Lügen der Mächtigen: Wer einen Mann sucht, sucht nicht den Mann. Er sucht den Preis, den dieser Mann wert ist. Der Preis des El Mencho wird in Zügen auf einer Karte verhandelt, die niemand besitzt, die aber alle zeichnen wollen. Wenn die Vereinigten Staaten am siebenundzwanzigsten Februar ihre Operationen begannen, dann nicht, weil sie glaubten, einen Mann zu fangen. Sie begannen, weil sie glaubten, eine Linie ziehen zu können zwischen dem, was sagbar ist, und dem, was unaussprechlich bleibt.

Doch die Linie verwischt. Die Quellen widersprechen sich nicht in den Fakten — die Fakten sind beigelegt, geheftet, abgeheftet in Schränken, die in Kellern stehen, in denen das Licht nicht brennt. Sie widersprechen sich in der Deutung. Und die Deutung, meine Damen und Herren, ist das Schwert, mit dem Kriege gewonnen werden, die keine Schlachtfelder mehr haben.

Ich trage Handschuhe. Auch beim Schreiben. Besonders beim Schreiben. Denn die Worte, die ich hier setze, werden gelesen von Männern, die mir später die Hand reichen werden, lächelnd, und ich werde zurücklächeln. So ist das Spiel. So war es in Genf. So ist es in Mexiko, in Jalisco, in den Labyrinthen, in denen der Staub der Sierra Madre die Sterne verdeckt.

El Mencho wird verschwinden. Nicht weil sie ihn fangen, sondern weil die Geschichte, die sie über ihn erzählen, eines Tages keinen Sinn mehr ergibt. Und dann wird ein anderer Name kommen, mit denselben Buchstaben, in einer anderen Anordnung, und dieselben Männer werden dieselben Handschuhe tragen. Und ich werde schreiben. Mit Handschuhen. Wie immer.

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