Die Kunst des Vergessens über dem Abgrund
Sie war einundzwanzig, und sie fiel. So fangen die Geschichten an, die niemand erzählen will — und alle erzählen werden, mit gedämpfter Stimme, über Drinks hinweg, in jenen Stunden, in denen die Welt noch so tut, als wisse sie, wie es weitergeht. Eine einundzwanzigjährige Frau stürzte von einer Brücke, weil das Seil fehlte, das da hätte sein sollen, und das Fehlen dieses Seils ist, so möchte ich es ausdrücken, die einzige ehrliche Aussage, die diese ganze Affäre hervorgebracht hat. Denn das Seil fehlt. Die Erinnerung an jenen, der es hätte befestigen müssen, fehlt ebenfalls. Und so stehen wir vor einem doppelten Nichts, das sich gegenseitig erklärt.
Man hat mir in Genf Verträge vorgelegt, die auf rosafarbenem Papier gedruckt waren — ich sage das, weil es um die Farbe geht, immer um die Farbe, um das, was den Vertrag von der Verletzung unterscheidet, den Schwur vom Verrat. In jenen Räumen lernte ich, dass die gefährlichsten Männer jene sind, die lächeln und unterschreiben und dann lächelnd erklären, sie hätten nie unterschrieben. Sie können sich nicht erinnern. So sagen sie. Und weil sie es gemeinsam sagen, wird das Vergessen zur Tugend, wird die Lücke zum Gesetz, wird das Nichts zur unanfechtbaren Wahrheit.
Hier nun also die Instruktoren. Männer, deren Beruf es ist, ein Seil an einem menschlichen Körper zu befestigen und diesen Körper sodann in die Luft zu entlassen, in jenen schwindelerregenden Moment hinein, in dem die Schwerkraft noch nicht weiß, ob sie zuschlagen oder nachgeben soll. Männer, die für genau diesen Handgriff bezahlt werden, der zwischen Leben und Tod unterscheidet, die nichts anderes tun müssen, als das Richtige zu tun, und die dennoch, wie es heißt, nicht mehr wissen, wer von ihnen an jenem Tag das Richtige hätte tun sollen. Sie können sich nicht erinnern. Es war ein kollektives Vergessen, ein orchestriertes Nichts, eine Generalprobe der Amnesie, die ihresgleichen sucht.
Stellen wir uns die Szene vor. Eine Brücke. Ein Abgrund. Eine junge Frau, die ihrem Tod vertraut, weil sie einem Seil vertraut, weil das Seil wiederum Männern vertraut, die es nicht halten. Es gibt in jeder Tragödie diese Kette des Vertrauens, und man darf sie, wenn man ehrlich ist, niemals beim letzten Glied beginnen lassen. Die Frau ist das letzte Glied. Das Seil ist das vorletzte. Die Männer, die das Seil hätten befestigen müssen, sind das vorvorletzte. Doch in den Protokollen, in den Aussagen, in den wohlgeformten Sätzen, die man der Presse reicht, da beginnt die Geschichte immer ganz unten, beim Fall, beim Aufschlag, beim entsetzlichen Geräusch — und niemand fragt nach der Hand, die das Seil hätte führen müssen.
Man hat sie nun angeklagt, fahrlässig gehandelt zu haben. Fahrlässigkeit. Welch wunderbar elastischer Begriff. Er dehnt sich so weit, bis er nichts mehr umschließt, und er zieht sich zusammen, bis er nur noch den trifft, der ohnehin schon am Boden liegt. Fahrlässig sind jene, die vergessen, wer das Seil hält. Fahrlässig ist ein Betrieb, der nicht weiß, wer für das Seil zuständig ist. Fahrlässig ist eine Brücke, von der man ohne Seil springen kann, und fahrlässig ist, so möchte ich behaupten, ein ganzes Gewerbe, das seine Sicherheitsprotokolle so verfasst hat, dass am Ende niemand mehr für irgendetwas verantwortlich zeichnet.
Dann die GoPro. Die kleine Kamera, die alles sah, oder zumindest das, was von dem Moment noch übrig ist, in dem die junge Frau sich fallen ließ im Vertrauen auf ein Seil, das nicht da war. Man fand sie nach dem Sturz, und ich sage das mit der Kälte, die mir die Jahre in verdunkelten Sälen gelehrt haben: dass diese Kamera das einzige Zeugnis ist, das sich nicht weigert zu erinnern. Sie ist kein Mann, der lächelt und vergisst. Sie ist keine Anklage, die sich windet. Sie ist ein Apparat, der aufzeichnet, was Apparate aufzeichnen: die Wahrheit, so nüchtern sie auch sein mag. Ob auf ihrem Chip noch etwas zu finden ist, das den Schleier des kollektiven Vergessens lüftet, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass diese Kamera nun das einzige Subjekt in diesem Drama ist, das seine Aufgabe erfüllt hat.
Denn sehen wir genauer hin. Eine Frau, einundzwanzig Jahre alt, geht zu einem Anbieter, der ihr ein Erlebnis verkauft — den Rausch, den Fall, das Auffangen, die wunderbare Mechanik des Vertrauens zwischen Mensch und Seil. Sie zahlt. Sie unterschreibt, vermutlich. Sie vertraut. Und am Ende dieser Kette steht kein Auffangen, sondern das, wofür es keinen Vertrag gibt, kein Kleingedrucktes, keine Klausel in noch so rosafarbenem Papier: den Aufschlag, das Ende, die Stille danach. Was bleibt, sind Männer, die sagen, sie könnten sich nicht erinnern. Was bleibt, ist eine Kamera, die sich erinnert, auch wenn ihr Schweigen womöglich teuer erkauft wurde. Was bleibt, sind Anwälte, die das Vergessen ihrer Mandanten kultivieren werden wie Gärtner einen besonders empfindlichen Rasen.
Ich habe es oft gesehen, dieses Spiel. Es ist ein altes Spiel, älter als jede Brücke, älter als jedes Seil. Es ist das Spiel derer, die Verantwortung tragen und sie ablegen wie einen Mantel in der Garderobe, bevor sie das Theater betreten. Sie treten auf, sie lächeln, sie sprechen von bedauerlichen Einzelfällen, von menschlichem Versagen, von tragischen Verkettungen — und immer, immer, immer sagen sie, sie könnten sich nicht erinnern. Es ist die diplomatische Sprache des Nein, gewaschen in den Worten des Ach, ich weiß es wirklich nicht mehr. Man lernt sie, wenn man lange genug in Räumen sitzt, in denen über Leben und Tod verhandelt wird.
Diese Frau ist einundzwanzig. Sie wird einundzwanzig bleiben, in jedem Satz, der über sie geschrieben wird, in jeder Überschrift, in jeder Verteidigungsrede. Man wird ihren Namen nicht oft nennen, und wenn, dann mit jener falschen Feierlichkeit, die verhindert, dass man hinhört. Man wird von der Brücke sprechen, von den Instruktoren, von der Anklage, von der Kamera — und irgendwann wird die Geschichte in den Archiven verschwinden, abgelegt unter fahrlässig, unter ungeklärt, unter jenen Akten, die niemand mehr öffnet.
Aber ich habe gelernt, dass die Archive nicht alles sind. Dass es Orte gibt, an denen das Vergessen nicht hinkommt. Und dass eine Kamera, die nach dem Sturz gefunden wurde, mehr weiß als alle Männer, die behaupten, sich nicht zu erinnern. Die Wahrheit fällt nicht. Sie schwebt. Sie wartet. Sie ist da, irgendwo auf einem Chip, in einem Bild, in einem letzten Blick, der nicht lügt.
Und am Ende wird man die Schuldigen finden, oder man wird sie nicht finden. Man wird sie verurteilen, oder man wird sie freisprechen. Aber das Seil wird fehlen, die Erinnerung wird fehlen, und die junge Frau wird fehlen — und diese dreifache Lücke, meine Damen und Herren, ist die einzige Akte, die in dieser Sache jemals vollständig sein wird.