Münchens Bürgermeister und die Kunst der Nebenbeschäftigung
Manche Karrieren gleichen einem gut geschnittenen Mantel: Von außen tadellos, von innen ausgefranst. Dieter Reiter, Oberbürgermeister der bayerischen Landeshauptstadt, trägt einen solchen Mantel seit Jahren — und nun hat jemand den Kragen hochgeschlagen.
Ein Disziplinarverfahren, so hört man, wurde eingeleitet. Wegen einer Tätigkeit für den FC Bayern, die nicht genehmigt war. Man darf das eine Nebentätigkeit nennen, eine Nebenbeschäftigung — ein kleines Wort, hinter dem sich das Beamtenrecht wie ein steinerner Vorhang aufbaut. Paragraphen, die niemand liest, bis sie greifen. Reiter, Sozialdemokrat, erster Mann im Rathaus, soll gegen genau diesen Vorhang gestoßen sein. Und stoßen, in München, ist eine Kunst. Man stößt nicht mit dem Kopf an, man stößt mit dem Herzen, und immer nur so, dass es aussieht wie eine Umarmung.
Ich sage „soll" — denn in München, das weiß man, wird alles weichgespült, was nach Konflikt riecht. Man lächelt, man gibt eine Pressemitteilung heraus, man spricht von „unterschiedlichen Auffassungen über die Genehmigungspflicht". Das ist die Sprache derer, die im Nebel operieren. Sie kennen diese Sprache. Ich kenne sie auch. In Genf habe ich sie oft genug gehört, von Männern in dunklen Anzügen, die ihre Hände flach auf den Tisch legten, während sie logen — so ruhig, so überzeugt, dass man am Ende selbst nicht mehr wusste, was wahr war und was nicht.
Reiter ist kein unbeschriebenes Blatt, das sollte man wissen. Ein Mann, der seine Stadt kennt, der das Sagen hat, der die Fäden zieht — und der nebenbei einem Verein dient, der mehr ist als ein Verein. Der FC Bayern ist eine Institution, ein Mythos, ein Wirtschaftsunternehmen von der Größe eines mittleren Industriekonzerns. Wer dort „tätig" ist, ohne dass die Stadtspitze davon erfährt, hat entweder keine Ahnung, was er tut — oder er weiß sehr genau, was er tut, und setzt darauf, dass niemand hinschaut.
Nun schaut jemand hin. Die Frage ist nur, wer. Die Personalverwaltung, deren Aufgabe es ist, solche Dinge im Stillen zu regeln? Die Opposition im Stadtrat, die seit Jahren auf einen Anlass wartet? Oder jemand im Verein selbst, der die Loyalitäten neu sortiert? In München, sagt man, weiß man nie, ob ein Skandal ein Skandal ist oder eine Abrechnung.
Es gibt in der deutschen Verwaltungstradition eine Tugend, die so alt ist wie der Obrigkeitsstaat selbst: das Stillhalten. Beamte schweigen, verwalten, dienen. Wenn einer aus der Reihe tanzt, wird ein Verfahren eingeleitet — so leise, so ordentlich, so diskret, dass es in den Akten verschwindet, bevor die Zeitung es findet. Diesmal nicht. Diesmal hat es die Titelseite erreicht, was an sich schon eine Aussage ist. Ein Disziplinarverfahren, das öffentlich wird, ist in Bayern ein seltener Vogel. Man lässt die eigenen Leute laufen, solange sie die Fassade halten. Wer die Fassade nicht hält, bekommt einen Termin beim Disziplinarsenat — und der tagt nicht in der Öffentlichkeit, sondern im Verborgenen, dort, wo die Urteile reifen wie ein guter Wein in kühlen Kellern.
Was also ist geschehen? Reiter soll sich für den FC Bayern betätigt haben, ohne sich die nötige Genehmigung zu holen. Das ist, juristisch gesprochen, eine Lappalie — ein Formfehler, eine Ordnungswidrigkeit im Verwaltungsrecht, nicht mehr. Politisch gesprochen, ist es ein Beben. Wer in München Bürgermeister ist, gehört der Stadt, nicht dem Verein. Wer das vergisst, hat entweder die Macht des Vereins unterschätzt — oder seine eigene überschätzt. Beides, so erfährt man, kommt in den besten Kreisen vor.
Ich erinnere mich an ein Gespräch, vor Jahren, in einem dieser Münchner Hinterzimmer, in denen Bier getrunken und Politik gemacht wird. „Du musst den FCB verstehen", sagte jemand, dessen Namen ich hier nicht nenne, mit einer Stimme, die so schwer war wie das Holz, an dem wir saßen. „Der FCB ist kein Verein. Der FCB ist eine Haltung." Damals lächelte ich, wie man lächelt, wenn man etwas versteht, aber noch nicht weiß, wohin es führt. Heute lächle ich nicht mehr. Heute sehe ich die Haltung sich gegen ihren eigenen Oberbürgermeister wenden, und ich frage mich, ob das Ironie ist, oder Strategie, oder einfach nur die stille Logik der Macht, die niemanden verschont, auch nicht die, die sie lange Zeit getragen haben.
Die SPD, das muss man ihr zugutehalten, hat ein Gespür für Skandale, weil sie sie selbst am häufigsten produziert. Reiters Genossen werden sich distanzieren, sobald das Verfahren Ergebnisse zeigt. Vorher nicht. Vorher heißt es: „Reiter genießt die Unschuldsvermutung." Ein Satz, der so oft fällt, dass man ihn kaum noch hört. Aber man hört ihn doch. Man hört ihn in jedem Verfahren, in jedem Flur, in jeder Pressekonferenz, in der ein Mann mit roten Socken steht und sagt, er habe „stets korrekt gehandelt" — „stets" ist das Wort, das in solchen Momenten immer fällt, als könne die Wiederholung das Gewicht der Behauptung tragen.
Korrekt. Das Wort, das in Deutschland wie ein Siegel auf alles geklebt wird, was gerade noch nicht bewiesen ist. Ein Wort, hinter dem sich Akten verbergen, Erklärungen, Protokolle, die niemand liest, weil niemand lesen will, was darin steht. Ich habe in Genf Verträge gesehen, die mit „korrekt" unterschrieben wurden, bevor sie brachen. Die Unterschriften waren alle leserlich. Die Folgen nicht.
Was bleibt? Ein Oberbürgermeister, der zu viel wollte. Ein Verein, der zu nah war. Ein Rechtssystem, das leise arbeitet, weil es laut nicht darf. Und eine Stadt, die zusieht, wie einer ihrer höchsten Repräsentanten sich vor dem Disziplinarsenat verantworten muss — nicht für eine Straftat, nein, für eine Form, eine Form, die er nicht eingehalten hat. Aber Form, sagt man, ist alles. In München ist die Form der FCB. Und wer die Form bricht, bricht mehr als eine Vorschrift. Er bricht eine Choreografie, die in dieser Stadt seit Jahrzehnten getanzt wird — von Sozialdemokraten und Konservativen, von Ministern und Oberbürgermeistern, von Männern und Frauen, die wissen, dass der wahre Souverän dieser Stadt nicht im Rathaus sitzt, sondern an der Säbener Straße, wo die Lichter nie ausgehen.
München wird auch das überstehen. München überlebt alles — Kriege, Krisen, Königinnen, Könige, die eigene Selbstgefälligkeit. Aber wer in den Spiegel schaut, sollte wissen, dass der Spiegel auch zurückschaut. Und manchmal, in den stillen Stunden nach Mitternacht, wenn der Nebel über der Isar liegt und die Laternen ihr blasses Licht auf das Pflaster werfen, fragt man sich, ob die Hände, die man sich reicht, jemals sauber waren.
Lassen wir das Verfahren arbeiten. Es weiß, was es tut. Hoffentlich. Und tragen wir Handschuhe beim Lesen. Man weiß nie, woran man sich vergiftet.