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DER KÖNIG DES NORDENS UND DIE LEHRE VOM NIMMERMER

19. Juni 2026 — — — Kastner

Es gibt Augenblicke in der Politik, die riechen nach 1937 — nicht weil die Welt brennt, sondern weil alle so tun, als merke sie den Rauch nicht. In Ashton-in-Makerfield, einem Kleinstädtchen im Nordwesten Englands, dessen Name klingt wie eine Stahlplatte, die man in eine Werkstatt wirft, stehen am Morgen die Freiwilligen Schlange vor dem Hintereingang eines Sportvereinsheims. Sie kommen aus der Umgebung. Sie kommen aus dem ganzen Land. Manche wollen diesen Wahlkreis für Labour retten. Die anderen wollen den Kandidaten Andy Burnham zum Sieg tragen, damit er, gestärkt durch das Mandat eines Unterhaussitzes, seinen Marsch auf die Führung der Partei antreten kann.

Man beachte die Architektur. Burnham ist seit acht Jahren Bürgermeister von Greater Manchester. Er hat den Nahverkehr billiger gemacht, eine Bücherei gerettet, und die lokale Presse, BBC North West und das Manchester Evening News, haben ihn getragen wie einst die Metropolitan Opera einen mittelmäßigen Tenor. Landauf, landab galt der Mann als der nächste Messias. Nun also die Probe. Die Nachwahl in Makerfield am 18. Juni sollte der Prüfstein sein, die öffentliche Vermessung eines Mannes, der sich bislang dem nationalen Rampenlicht entzogen hat.

Indes: das Timing, meine Damen und Herren, das Timing. Verteidigungsminister John Healey tritt zurück und wirft seinem eigenen Premier Keir Starmer vor, die Nation nicht hinreichend verteidigt zu haben. Es ist dies ein bemerkenswerter Vorgang — ein Gefecht, in dem ein Offizier seinem Feldherrn die Standarte vor die Füße wirft, und der Feldherr noch nicht einmal aufblickt. Die Verteidigung, heißt es, stehe zunehmend auf der Tagesordnung. Burnham? Schweigt. Stille. Die vornehmste aller Antworten, besonders wenn man keine hat.

Und dann die Waspi-Frauen. In Manchester, im Liverpooler Schatten, wissen die Menschen, was Treue zu Verlierern bedeutet. Burnham, der sich einst rühmte, den Familien von Hillsborough beigestanden zu haben, gelobte am Mittwoch, den Waspi-Frauen beizustehen, jenen Damen der fünfziger Jahrgänge, die glauben — fälschlich, wie man mir versichert — um ihre staatliche Altersversorgung betrogen worden zu sein. Sie priesen seinen Mut. Vierundzwanzig Stunden später, man erinnere sich dieser Zahl, ruderte er zurück. Ein Sprecher erklärte, die endgültige Entscheidung sei getroffen; was er meine, seien frühere Zugangsrechte zu Buspässen. So viel zum Schwur. So viel zum König.

Im Unterhaus sitzt ein Premier, dessen Beliebtheitswerte seit Monaten die Tiefe des Marianengrabens peilen. Starmer hat klargemacht, dass er seinen Stuhl nicht räumen werde. Burnham braucht also das Mandat, um überhaupt wieder der Labour-Fraktion im Unterhaus anzugehören — ein bemerkenswerter Umstand: ein Kronprinz, der erst um die Aufnahme in den Saal der Erlaubten betteln muss, bevor er den Thron bestürmen kann. Das ist die britische Variante der Hofetikette, und sie funktioniert, weil sie Demut simuliert, während sie Ambition verpackt.

Unterdessen tobt im Hintergrund, was die Sonntagsredner nicht zu erwähnen pflegen. Reform UK, die Partei des Nigel Farage, hat bei den Kommunalwahlen Anfang Mai Labour landesweit fünfzehnhundert Sitze geraubt — fünfzehnhundert, wohlgemerkt — und Labour verlor in Makerfield sämtliche zur Wahl stehenden Kommunalmandate an die Rechtspopulisten. Farage, der die Volksnähe im Pub exerziert, wurde in der Gegend gesichtet, wie er den Reform-Kandidaten Robert Kenyon in den Caledonian Pub begleitete, um die Kampagne "Rettet unsere Kneipen" zu bewerben. Die Theke als Bühne. Das Bierglas als Zepter. Es ist eine Ästhetik, die man in Genf nie verstanden hat, und vielleicht ist das der Grund, warum sie funktioniert.

Andrew Neil, der alte Fuchs, hat es aufgeschrieben, wie es sich gehört. Wenn Burnham die Antwort sei, fragt er, was war dann die Frage? Die Frage, mein Herr, war Labour. Die Frage war immer Labour. Die Frage war ein Land, das nicht mehr weiß, wem es glauben soll, und dem man nun einen Mann anbietet, der im entscheidenden Moment über Verteidigung schweigt, den Waspi-Frauen vierundzwanzig Stunden lang die Hand reicht und sie ihnen am nächsten Tag entzieht, und der gegen Farage antreten will mit dem Programm eines Mannes, der acht Jahre lang eine Region verwaltet hat. Ach, du bist noch immer im Gemeinderat, sagt ein Bekannter erstaunt zu einem Burnham-Anhänger. Ja, bei uns war es nicht so schlimm, entgegnet dieser. Bei uns war es nicht so schlimm — man höre diesen Satz, meine Damen und Herren, und man versteht England.

Ich habe in Genf Männern in die Augen gesehen, die lächelten, während sie logen. Sie trugen gute Anzüge. Sie sprachen von Verträgen, die sie nicht halten würden, mit einer Inbrunst, die einem das Wasser in die Augen trieb — nicht vor Rührung, sondern vor Müdigkeit. Burnham ist keiner von ihnen. Burnham ist schlimmer. Burnham glaubt, was er sagt. Das macht ihn gefährlich, nicht charismatisch. Denn wer seine eigenen Versprechen liebt, der bricht sie, sobald die Umstände sich drehen, ohne mit der Wimper zu zucken, und er wird Ihnen erzählen, dass er es immer so gemeint habe.

Der König des Nordens also. Wir kennen diese Könige. Sie regierten, bis die Kavallerie kam, und die Kavallerie kommt immer.

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