Was die Nacht freilegt
Drei Meldungen. Ein Donnerstag, ein Freitag, eine Nacht in der Republik, und überall dasselbe leise Bersten der Fassade. Man liest sie am Morgen, zwischen dem ersten Schluck Kaffee und dem Knopf des Mantels, und ahnt, dass zwischen den Zeilen die eigentliche Nachricht steht — jene, die nicht geschrieben wird, weil sie sich nicht für die Schlagzeile eignet.
Auf der Kreisstraße FS38, in der letzten Kurve vor der Einmündung in die Bundesstraße 301, kurz vor zwanzig Uhr fünfunddreißig. Eine zweiundsechzigjährige Frau lenkt ihren Kleinwagen Richtung Tegernbach, Landkreis Freising, Gemeinde Rudelzhausen. Was in jener Kurve geschieht, weiß bislang niemand. Die Polizei wird es „Gegenstand der laufenden Ermittlungen" nennen, diese schöne Floskel, mit der Behörden ihre Unwissenheit in ein Versprechen verwandeln. Ihr Wagen stößt frontal mit dem eines Achtzehnjährigen zusammen. Die vier Insassen des anderen Autos, Kinder und Jugendliche im Alter zwischen sechs und achtzehn Jahren, tragen nur leichte Verletzungen davon. Die Frau wird mit dem Rettungshubschrauber in ein Krankenhaus geflogen. Ein Hubschrauber auf freiem Feld, das Symbolfoto zeigt ihn gern im gleißenden Licht — als sei Rettung eine Inszenierung, und das Leiden eine Nebenrolle.
Am selben Abend, andernorts: In einer Zelle eines Karlsruher Gefängnisses zündet ein Mann, was ihm an Brennbarem gehört. Er selbst ist es, der die Flamme legt, am Freitag, allein, hinter der Tür. Justizbeamte und Feuerwehrleute löschen gemeinsam, Schulter an Schulter, bevor das Feuer auf andere Gebäudebereiche übergreift. Evakuieren müssen sie das Gefängnis nicht. Man muss den Zellentrakt auslüften, heißt es — diese deutsche Vokabel, die so reinlich klingt und doch nur bedeutet, dass ein Mensch sich in einem umschlossenen Raum verbrannt hat. Schwere Verbrennungen. Sanitäter bringen ihn in eine Klinik. Man spricht von „Häftling", nicht von einem Namen.
Und in Frankfurt, auf der Zeil, gegen zweiundzwanzig Uhr zwanzig, an einem Ort, der nach Konsum riecht und nach Neonlicht. Bis zu zehn Personen geraten aneinander. Eine Machete, ein Hieb gegen den Kopf eines Mannes, nicht lebensgefährlich, sagt der Sprecher, als sei die Schwere einer Wunde eine bürokratische Größe, gemessen und abgelegt. Wer genau zugeschlagen hat, ist unklar. Auch wie die Auseinandersetzung verlief. Es wird ermittelt.
Drei Meldungen, alle aus dem Reich jener Gewalt, die nicht laut genug ist, um die Tagesschau zu füllen, und nicht still genug, um zu verschwinden. Eine ältere Frau auf einer Landstraße, deren Wagen aus der Spur gerät — ob durch Sekundenschlaf, ob durch ein entgegenkommendes Fahrzeug, ob durch ein Versagen, das nur sie kennt und das sie vielleicht nie erzählen wird. Ein Gefangener, dessen letzter Ausweg die eigene Flamme ist. Ein Passant auf einer belebten Straße, der zum Ziel eines blanken Schwertes wird, mitten in der Stadt, an einem Donnerstagabend.
Man möchte die Republik deuten wie eine Partie Schach. Doch Schach gehorcht Regeln, und was hier geschieht, gehorcht nur der Schwerkraft. Die Kurve bei Rudelzhausen ist kein taktisches Manöver, die Zelle in Karlsruhe ist kein strategisches Feld, die Zeil ist kein Brett. Es sind die Stellen, an denen die Konstruktion reißt, weil sie es immer tut, weil jede Ordnung nur eine Übereinkunft mit der Wirklichkeit ist — und die Wirklichkeit schreibt keine Protokolle. Sie schreibt Krankenberichte und Vermerke, und dazwischen die Stille jener, die überleben.
Man hat mir in Genf Verträge gezeigt, die unterschrieben wurden mit dem Händedruck von Männern, die lächelnd logen. Man hat mir erklärt, dass Fortschritt eine Linie sei, die nach oben zeigt, und dass die Zivilisation sich ausdehne wie warmer Luftstrom über erkaltender Erde. Ich habe diesen Männern in die Augen gesehen und die Müdigkeit darin gefunden, jene berufsmäßige Erschöpfung derer, die zu viel wissen, um noch zu staunen, und zu wenig tun, um es zu wenden. Sie sprachen von Verfahren. Ich dachte an Verfehlungen.
Heute, da ich diese drei kleinen Katastrophen lese, eine aus dem Moos bei Freising, eine aus dem Karlsruher Knast, eine aus der Frankfurter Innenstadt, denke ich an die Handschuhe, die ich auch beim Schreiben trage. Nicht aus Hygiene, sondern aus Diskretion. Man fasst die Dinge nicht mit bloßen Fingern an, wenn man ahnt, wie heiß sie sind. Die Frau im Kleinwagen, der Mann in der Zelle, der Mann auf der Zeil — sie alle haben die Oberfläche berührt und sind hängengeblieben, jeder auf seine Weise, in seinem Wagen, in seinem Verschlag, in seinem Abend.
Was sagt uns das? Wenig, was wir nicht schon wüssten. Dass die Nacht jene Wahrheiten freilegt, die der Tag mit Konferenzen, Pressekonferenzen und beschwichtigenden Wendungen zudeckt. Dass es immer eine Kurve gibt, in der die Lenkung versagt, eine Zelle, in der die Verzweiflung zuschlägt, eine Straße, auf der blankes Metall aufeinandertrifft. Und dass die Republik am Morgen, wie immer, das Bild eines geordneten Staates zurückgewinnt — korrigiert, kommentiert, in die Akten geschoben — und weitergeht, als wäre nichts geschehen.
So wie ich. Ich nehme den Mantel vom Haken, ziehe die Handschuhe glatt, trete hinaus in eine Stadt, die nach dem letzten Regen riecht. Irgendwo hinter mir sitzt jemand an einem Schreibtisch und formuliert den nächsten Absatz einer Pressemitteilung, in dem das Wort „bedauerlich" vorkommen wird. Irgendwo dreht sich ein Rotor. Irgendwo wird gelüftet. Ich gehe weiter. Man geht immer weiter. Nur die Handschuhe vergisst man nicht.