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Geständnisse unter Wasser, Geständnisse an Land

19. Juni 2026 — — — Kastner

Man muss den Männern in Peking zugutehalten, dass sie den Witz nicht zu Tode reiten. Noch nicht. Zuerst verhafteten sie vergangene Woche in Kunming, in der an Myanmar grenzenden Provinz Yunnan, einen US-Bürger wegen des Verdachts der Spionage und der Gefährdung der nationalen Sicherheit. Wenige Tage später warnte die Staatssicherheit auf WeChat vor etwas ganz anderem: vor Spionageschildkröten und Spionagefischen. „In einem Seegebiet unseres Landes wurden grössere lebende Meerestiere entdeckt, denen Sensoren angebracht wurden", schrieb sie. Die Tiere schwammen mit den Sensoren, sammelten Wassertemperatur, Salzgehalt, Strömung, schickten alles per Satellit ins Ausland. Es war, als hätte das Sicherheitsestablishment entschieden, dass die übliche Paranoia ausgedient habe. Man brauchte nun Delphine mit Sonderausweis.

In Genf habe ich gelernt, dass nichts, was ein Staat zur selben Zeit tut, jemals zufällig geschieht. Wenn Peking einen Amerikaner festnimmt, Wochen nachdem Präsident Donald Trump in der Stadt war, mit allem Zeremoniell, das die Volksrepublik aufzubieten vermag, dann ist die Festnahme kein Einzelfall, sondern ein Satz in einem längeren Absatz. Trump war im Mai 2026 zu Besuch. Aktivisten hatten im Vorfeld gefordert, er solle die Fälle inhaftierter US-Bürger ansprechen. Er sprach sie nicht an. Er lächelte. Der US-Bürger in Kunming wurde wenige Wochen später aufgegriffen. Das US-Konsulat in Guangzhou sei informiert worden, sagte Außenamtssprecher Lin Jian in Peking; es seien „strafrechtliche Zwangsmaßnahmen" ergriffen worden. Die „New York Times" hatte zuvor über den Fall berichtet. Das Wort Zwangsmaßnahme hat im diplomatischen Vokabular immer denselben Beigeschmack: Es klingt wie eine Prozedur und meint einen Zugriff.

Man kann die Zahl nennen, die das Ausmaß der Prozedur verdeutlicht. Der China-Ausschuss im US-Kongress berief sich vor zwei Jahren auf die US-Menschenrechtsorganisation Dui Hua und sprach von rund 200 US-Bürgern, die sich in China in Haft befinden. Zweihundert. Die Zahl steht da, nüchtern wie eine Inventarliste, und niemand entschuldigt sich für sie. Zu den prominenten Fällen gehört Dawn Michelle Hunt, die laut Dui Hua seit 2014 wegen Drogenschmuggels im Gefängnis sitzt; ihre Familie gibt an, sie sei unwissentlich in die Straftat hineingeraten. Nelson Wells Jr. saß mehr als zehn Jahre wegen eines ähnlichen Falls ab. Die Volksrepublik hat ein langes Gedächtnis, aber kein kurzes.

In den letzten Tagen und Wochen haben die Five-Eyes-Staaten — die USA, Australien, Neuseeland, Kanada, Großbritannien — vor chinesischer Spionage gewarnt. Peking also klagt an, und klagt an, und klagt an. Die Schildkröten haben das Pech, in einem Seegebiet „unseres Landes" aufgegriffen worden zu sein, wie die Staatssicherheit schreibt. Sie hatten keine Pässe, keine Übersetzer, keine Anwältin. Sie schwammen, und die Sensoren verrieten sie. Um welche Daten es genau geht, bleibt im Text der Sicherheitsbehörde vage: ozeanische Umweltdaten, ja, in Echtzeit, ja, über Satellit ins Ausland, ja. Konkreter wird man nur bei den Sonardaten — mit denen könnten ausländische Spione chinesische U-Boote in Echtzeit überwachen. Die Tiere sind also nicht nur Hydrologen, sondern auch Hydrophone.

Es gibt ein Video, aufwendig produziert und animiert, verbreitet über den WeChat-Account der Staatssicherheit, der für solche Mitteilungen eigens existiert — eine Art Whatsapp zugleich und Plakatwand, auf der die Staatsräson ihre Steckbriefe aushängt. Samuel Emch, der SRF-China-Korrespondent, hat das Video angesehen. Er berichtet: Es ist kein Spionagefisch zu sehen, keine Spionageschildkröte. Auch von den parallel erwähnten Spionagebojen, die „Umgebungs-Schallwellendaten und die akustischen Signaturen von U-Booten" messen sollen, gibt es nur Animationen. Die Anschuldigung ist reine Animation. Aber die Reichweite ist real: Propagandamedien greifen die Meldung auf, die Bevölkerung teilt sie, der Feind hat wieder ein Gesicht — diesmal mit Flossen.

Wir kennen die Form. Sie ist älter als das aktuelle Regime, älter als die Volksrepublik selbst, vielleicht so alt wie das Verhältnis zwischen Mächtigen und Machtlosen überhaupt. Man nehme einen Verdacht, blase ihn zu einer Kategorie auf, statte ihn mit einem schönen, unaussprechlichen Verb aus — gefährden, zwangsmassnehmen, Spionage treiben — und der Verdacht wird zur Tatsache. Ein Amerikaner, der in Kunming Tee trinkt, ein Fisch, der im falschen Meer schwimmt — beide werden zu Akten. Die Akten verwalten sich gegenseitig. Wer die Schildkröten verdächtigt, darf den Amerikaner verdächtigen. Wer den Amerikaner verhaftet, darf im nächsten Schritt das Meer verdächtigen. Hinweise auf tierische Spione hat es, teils ohne Beweise, in den Archiven schon gegeben, von Kampfdelfinen war andernorts die Rede. Nun hat die Geschichte ein neues Kapitel und ein neues Gewässer. Die Ironie ist, dass es funktioniert: Die Spionageschildkröte, als wunderliche Erfindung, glaubt am Ende niemand — aber genau deshalb kann sie auch niemand widerlegen.

Die Diplomatie lächelt. Die Verträge, die ich in Genf sah, wurden immer lächelnd unterschrieben, mit Handschlag, mit Champagner, mit Handschuhen. Ich trage auch beim Schreiben Handschuhe. Man weiß nie, was auf dem Papier bleibt.

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