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Die Anatomie einer Exekution

19. Juni 2026 — — — Kastner

Man lernt in Genf, dass Verträge zwei Hälften haben: den Text und die Übersetzung, die sich niemand zu drucken traut. Im Juni 2026 lernt die Welt eine dritte kennen: den Nachtrag aus Blei.

Am Montagmorgen, kurz vor acht, fällt Semyon Skrepetsky auf einem Parkplatz im ostpolnischen Biała Podlaska. Ein 44-jähriger Russe, geboren als Robert Kusovkov, der sich einen anderen Namen gab und unter diesem zweiten jene Köpfe zu Papier brachte, die andere nur mit Handschlag bedienten: Wladimir Putin, Alexander Lukaschenko, Ramsan Kadyrow, einen verstorbenen Oppositionsführer, dessen Name in Moskau nur noch geflüstert wird. Ein Zeichner, der die Mächtigen nicht fürchtete, was in diesen Breiten bereits eine politische Handlung ist.

Die Kugeln trafen ihn aus nächster Nähe. Mehrmals, wie der Sender wPolsce24 berichtet. Die Sanitäter kamen und gingen wieder, denn ihre Hände blieben leer. Wenig später versiegelte die polnische Polizei die Straßen und Ausfallwege der 55.000-Einwohner-Stadt und postierte Wachen vor Schulen und Kindergärten — dort, wo die Kinder des Mannes sein mochten, der nicht mehr nach Hause kommen würde. Man bewachte die Lebenden, weil man den Toten nicht mehr bewachen konnte. So macht man das in zivilisierten Ländern. So hat man es 1937 in Barcelona gemacht und in Warschau, und überall, wo man den Anstand für eine Erfindung der Sieger hält.

Der Pressesprecher Andrzej Fijołek sprach von einem geplanten Akt. „Wenn jemand gezielt auf eine Person zugeht und schießt, deutet alles auf eine geplante Tötung hin." Er sagte es mit der Distinktion eines Mannes, der den Unterschied zwischen Mord und Exekution kennt und sich hütet, ihn auszusprechen. „Wir kennen das Motiv noch nicht." Eine höfliche Formulung. Natürlich kannte man das Motiv. Man wollte es nicht beim Namen nennen, weil Namen Verpflichtungen schaffen, und Verpflichtungen, das wissen wir seit Genf, sind der Anfang vom Ende der Diplomatie.

Drei Tage zuvor, am Russland-Tag, stand Skrepetsky vor der russischen Botschaft in Berlin. Eine One-Man-Performance, so nennt man es, wenn ein einzelner Mann einer Diktatur die Stirn bietet: eine russische Flagge an der Hose, in der Hand ein Bild, das Josef Stalin zeigt, wie er ein Baby hält, das unverkennbar die Züge Wladimir Putins trägt. Ikonenmalerei als Waffe. Berlin hat solche Auftritte oft gesehen und fast immer ignoriert; man hat dort Wichtigeres zu tun, etwa Stadtfeste zu finanzieren. Diesmal bemerkte man die Performance. Drei Tage später, auf einem polnischen Parkplatz, zahlte der Künstler die Rechnung.

Der mutmaßliche Täter, einer von zweien, wurde wenig später in der Nähe des belarussischen Konsulats in Biała Podlaska festgenommen. Ein belarussischer Staatsbürger, so inoffizielle Berichte. Der zweite wird noch gesucht. Ein belarussischer Taxifahrer habe die Männer zum Tatort gefahren; als sie ihm die Waffe zeigten, habe er versucht, zum Konsulat zu fliehen, weil ihm dies offenbar als der sicherere Hafen erschien. Ob es sich um dieselbe Person handelt, ist unklar. Die Geschichte hat etwas von einem Gleichnis: ein Fahrer, der zwischen den Mördern und der nächsten diplomatischen Vertretung wählt und nicht sicher ist, welches die größere Gefahr ist.

Skrepetsky lebte seit 2021 in Polen. Er stand auf Myrotvorets, der ukrainischen Datenbank für Staatsfeinde — was ihm weder nützte noch schadete, denn er hatte auch Kiew kritisiert. Ein Mann, der keine Seite verschonte, schläft auf keiner Seite ruhig. Wer überall aneckt, hat nirgends ein Nest. Das wusste man in Genf, beim Abschluss von Abkommen, die niemand zu unterzeichnen wagte; das wusste man in den Verhandlungen, in denen jeder Satz zwei Bedeutungen hatte und jede Handschrift Handschuhe trug.

Die Handschrift ist erkennbar, auch wenn kein Kommuniqué sie für sich beanspruchen wird. Eine Hinrichtung, kaum fünfzig Kilometer von der belarussischen Grenze. Ein Festgenommener, der in Richtung des belarussischen Konsulats flieht, als sei es ein Hafen. Ein zweiter Mann, der verschwindet, wie Männer in solchen Geschichten verschwinden — in der Zuständigkeit eines anderen Staates, in der Diskretion jener, die solche Aufträge vergeben und niemals bestätigen. Man soll keine voreiligen Schlüsse ziehen, sagt das Außenministerium in Warschau vermutlich gerade, während es die Schlüsse längst gezogen hat. Man soll abwarten, sagen die Ermittler, die wissen, dass Abwarten keine Aufklärung bedeutet, sondern Übersetzung. Aus Blut wird Aktenzeichen. Aus einer Exekution wird ein Vorgang. Aus einem Zeichner wird ein Opfer, das so lange eines bleibt, bis die Justiz entscheidet, dass es eines war. Oder auch nicht.

In Genf habe ich gelernt, dass die Wahrheit in den Fußnoten steht. In Biała Podlaska steht sie in Patronenhülsen. Sie ist nicht schwerer zu entziffern. Nur endgültiger.

Vera Kastner schreibt für die Terminal Tribune aus einem ungenannten Ort.

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