Bauernzüge auf dem Brett der Gewöhnlichkeit
Es gibt Tage, an denen die Maschinerie des Gewohnten ihre Nähte zeigt. Nicht dramatisch. Nicht mit Paukenschlag. Sondern leise, beiläufig, in jener Manier, in der Diplomaten lächeln, während sie die Klausel längst gestrichen haben. Donnerstagabend in Strehla, Landkreis Meißen, Sachsen. Ein 42-Jähriger wird vor einem Wohnhaus erschossen. Zeugen rufen die Polizei. Ein Hubschrauber hebt ab, verwandelt die Landschaft in ein Suchraster. Wenig später nehmen Beamte in Riesa zwei Männer fest, 37 und 41 Jahre alt. Deutsche Staatsbürgerschaft, alle drei, wie es heißt. Die Hintergründe seien unklar, teilt die Polizei mit. Natürlich sind sie das. Hintergründe sind immer unklar, bis jemand beschließt, sie zu klären — oder sie klären zu lassen.
An demselben Donnerstag, einige Hundert Kilometer südwestlich, will sich ein 38-Jähriger an der Überleitung der A9 zur A92 am Kreuz Neufahrn, Richtung Deggendorf, nicht kontrollieren lassen. Eigentlich sollte es nur eine Routinekontrolle sein. Routine ist jenes Wort, das Polizeiberichte verwenden, wenn sie nicht wissen, was sie schreiben sollen. Der Mann gibt Gas, schlängelt sich mehrfach rechts überholend durch den Verkehr, rammt eine Leitplanke an der Anschlussstelle Freising-Süd, überfährt in Neufahrn an der Römerstraße zwei rote Ampeln, bleibt an einer Baustelle stehen, steigt aus, flüchtet zu Fuß. Er kommt nicht weit. Die Polizisten fassen ihn, bringen ihn zu Boden, fesseln ihn. Es stellt sich heraus, dass gegen ihn ein offener Haftbefehl vorliegt. Er hat keinen Führerschein. Ein Drogenschnelltest verläuft positiv. Anschließend wird er in ein Gefäßnis überstellt. Die Polizei sucht Zeugen der Verfolgungsfahrt. Immer sucht die Polizei Zeugen. Das ist die zweite Maschinerie, die sich parallel zur ersten dreht: jene des nachträglichen Bezeugens, des Beweisens, dass man zur rechten Zeit am rechten Ort war.
Und dann Wien. Die Mariahilfer Straße, 1,6 Kilometer, einst eine beliebte Einkaufsstraße, über Jahre hinweg politisch polarisierend, 2015 zur Fußgänger- und Begegnungszone umgestaltet. Heute deutlich freundlicher und belebter. Ein Referenzprojekt, über die Stadt hinaus bekannt. Man hat sie umgepflastert, man hat sie beruhigt, man hat das Auto aus ihr herausverhandelt wie eine unangenehme Klausel aus einem Vertrag, den niemand mehr vorlesen mag.
Drei Orte, drei Geschichten, ein gemeinsamer unsichtbarer Faden: die Choreografie der Kontrolle. In Sachsen bricht sie zusammen, eine Waffe wird gezogen, die Polizei fügt die Bruchstücke zusammen, so gut es geht. In Bayern wird sie gestört, ein Mann weigert sich, im Takt zu tanzen, und die Polizei tanzt hinterher, bis er an einer Baustelle zum Stillstand kommt — ausgerechnet an einer Baustelle, dem temporären Stillstand, der korrigierten Straße. In Wien wurde sie vor zehn Jahren bewusst entworfen, unterzeichnet von Fußgängern, Radfahrern, Anrainern, Geschäftsleuten, von jenen, die das Auto vermissen, und jenen, die es nicht vermissen. Eine Straße als politischer Vertrag, der täglich gelebt werden muss, das ist der Unterschied zu den Papieren in Genf.
Was mich an diesen drei Meldungen beschäftigt, ist nicht die Gewalt, nicht die Flucht, nicht die Pflasterung. Es ist das Verhältnis von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Der Hubschrauber über Strehla, der die Landschaft in ein Raster verwandelt. Die Streife auf der A92, die aus einer Kontrolle eine Verfolgung macht, weil der Kontrollierte sich weigert, kontrolliert zu werden. Die Mariahilfer Straße, die auf jedem Reisefoto erstrahlt und über deren Verhandlungen, Interessen, Kompromisse kaum jemand spricht, der nicht Anrainer ist. Überall wird etwas sichtbar gemacht, und überall bleibt etwas unsichtbar. Die Hintergründe einer Tat in Sachsen. Die Vorgeschichte eines Mannes mit Haftbefehl, der keinen Führerschein hat. Die Architektur der Macht hinter einer schönen Pflasterung.
Ich habe in Genf Verträge gelesen, die niemand je durchsetzen wollte. Sie waren Ausdruck des Willens, dass man sich einigt, nicht dass man handelt. Die Mariahilfer Straße war einmal so ein Vertrag. Der Schuss in Strehla war kein Vertrag, er war ein Bruch. Die Verfolgungsjagd auf der A92 war ein gescheiterter Vertrag — zwischen dem Mann und der Polizei, zwischen dem Mann und der Straße, zwischen dem Mann und dem Gesetz. Am Ende stand er an einer Baustelle, gefesselt, und die Polizei suchte Zeugen für die Wiederherstellung der Ordnung.
Wenn die Welt Schach spielt, dann sind dies die Bauernzüge. Die unauffälligen. Jene, über die später niemand spricht, weil sie nicht den König betreffen. Aber das Brett besteht aus Bauern, und wer die Bauern nicht kennt, kennt das Spiel nicht.
Ich trage Handschuhe, auch beim Schreiben. Nicht weil ich friere. Sondern weil man mit bloßen Händen Spuren hinterlässt, und manche Spuren möchte man nicht erklären müssen.