20.000 schreien, Genf antwortet mit Gas
Sonntag. Vierzehnter Juni, zweitausendsechsundzwanzig. Genf.
Die Stadt riecht nach Sonnencreme und Tränengas. Das ist das Erste, was ich denke, als ich am Quai du Mont-Blanc stehe und die Menge sehe. Sie kommen zu Tausenden. Fünf. Zehn. Am Ende werden es zwanzigtausend sein, sagen die, die gezählt haben. Ich zähle keine Zahlen. Ich zähle Gesichter.
Da ist Pippa Saugy. Ich finde sie zwischen den Plakaten, irgendwo zwischen den selbstgemalten Schildern und den Papphüten gegen die Sonne. Sie hält ein Transparent, die Buchstaben laufen ihr vom Papier wie Blut. Sie sagt es mir ins Aufnahmegerät, ruhig, fast beiläufig: Es ist ein Treffen der Reichen, das einmal mehr zeigt, wie die Reichen noch reicher werden können, während die Armen zurückbleiben. Ich notiere es. Ich notiere alles. Weil das mein Job ist. Weil niemand sonst zuhört.
Da ist Mattia Piccard. Er schimpft auf die Polizei, die zu Hunderten in den Straßen steht, mit Schilden, mit Helmen, mit diesem Blick, den ich kenne. Man erkennt ihn, wenn man zu viele Demonstrationen gesehen hat. Das ist ein Versuch, die Demonstranten einzuschüchtern, sagt er, die Menschen zu erschrecken und sie davon abzuhalten, auf die Straße zu gehen. Ich verstehe ihn. Ich verstehe sie alle.
Da ist Clélia Colin. Sie trägt ein gelbes Tuch, das im Wind flattert wie eine kleine Fahne. Sie spricht über die Werte der G-7, die ihrer Meinung nach völlig frauenfeindlich sind und zur Ungleichheit beitragen. Ich frage sie nach ihrem Namen, ihrem Alter, ihrer Geschichte. Sie antwortet: Ich bin hier, weil ich will, dass meine Tochter in einer anderen Welt lebt. Ich schreibe das in meinen Block. Ich schreibe mit zitternder Hand.
Die G-7. Fünfzehnter bis siebzehnter Juni. Evian-les-Bains, auf der anderen Seite des Sees, in Frankreich. Sieben Staaten, die Europäische Union. Die Mächtigen der Welt, die sich treffen, während der Nahe Osten brennt, während die Ukraine brennt, während ein Mann, der sich Friedensbringer nennt, einen Deal mit dem Iran bastelt. Vier Tage lang Konferenz. Vier Tage lang Händeschütteln. Vier Tage lang Sätze, die niemand glaubt.
Heute brennt etwas anderes. Heute brennt ein Tesla.
Es fängt friedlich an. Zwanzigtausend. Sonne über dem See. Transparente. Kinder auf den Schultern ihrer Väter, Eis am Stiel, lachende Gesichter. Der Demonstrationszug wirkt wie ein Volksfest. Dann, irgendwann, kippt es. Irgendwer reißt den ersten Stein aus dem Boden. Irgendwer zündet den ersten Wagen an. Ein Tesla. Das Auto des Mannes, der in der vergangenen Woche zum ersten Billionär der Welt wurde. Das Auto des Mannes, der dem amerikanischen Präsidenten als Berater zur Seite steht. Das Auto brennt, und mit ihm brennt die Idee, dass man ungestraft die Welt in zwei Hälften teilen kann.
Die Scheiben des UN-Büros splittern. Die Vereinten Nationen. Jenes Haus, das einmal für alle Menschen gebaut wurde, das nach dem letzten großen Brand aus der Asche gestiegen ist, wird zum Ziel. Ich sage nicht, dass es richtig ist. Ich sage nicht, dass es falsch ist. Ich sage, was passiert. Ich sage: Die Scheiben splittern. Das Glas fällt auf den Asphalt wie Eis.
Die Polizei antwortet mit Tränengas. Sie schießt in die Menge, als die Steine fliegen, als die Tränen fließen, als Kinder in den Armen ihrer Mütter weinen, weil ihnen die Luft wegbleibt. Das Sonnenlicht bricht sich in den Granaten. Es riecht nach Schweiß, nach Chemie, nach verbranntem Gummi.
Die Geschäfte in der Innenstadt sind verrammelt. Holzplatten vor den Schaufenstern, als wäre Krieg. Vielleicht ist es das. Vielleicht ist es genau das. Vielleicht nennen wir es nur nicht beim Namen.
Ich stehe mit meinem Block am Rand der Menge. Mein Bleistift ist abgebrochen. Ich habe keinen Ersatz. Ich schreibe mit dem, was ich habe. Ich zähle die Verletzten. Ich zähle die Verhafteten. Ich zähle die Tränen.
Am anderen Ufer des Sees, in Evian, trinken sie Kaffee.
Ich schreibe das hier nicht, weil ich neutral bin. Ich bin es nie gewesen. Ich bin es nicht hier, in Genf, im Juni, im Rauch.
Ich schreibe das hier, weil Pippa Saugy recht hat. Weil Mattia Piccard recht hat. Weil Clélia Colin recht hat. Weil zwanzigtausend Menschen in Genf auf die Straße gehen, um zu sagen, was die Konferenz der Sieben nicht hören will: Dass die Schere auseinandergeht. Dass die Reichen reicher werden und die Armen ärmer. Dass die Werte, die diese Staaten vertreten, nicht die Werte sind, die uns retten werden.
Ich schreibe das hier, weil eine Stadt, die nach Benzin und Tränengas riecht, nicht die Ausnahme ist. Sie ist die Regel. Sie ist das, was passiert, wenn die Mächtigen sich treffen, ohne zuzuhören. Wenn sie tagen, während die Welt brennt. Wenn sie Deals basteln, während Kinder weinen.
Morgen beginnt der Gipfel. Morgen werden sie einander die Hände schütteln. Morgen werden sie sagen, dass sie die Sorgen der Menschen ernst nehmen. Morgen werden sie Erklärungen verabschieden, die niemand liest.
Heute Nacht riecht Genf nach Benzin. Heute Nacht höre ich die Helikopter über dem See. Heute Nacht zähle ich keine Zahlen. Ich zähle Gesichter.
Mein Koffer steht unter dem Schreibtisch. Für alle Fälle.
Genf, in der Nacht zum fünfzehnten Juni. Es wird keinen guten Schluss geben. Nicht heute.