Märchenwald und Kasse: Wer verdient am Familienausflug in Bayern
Die Drähte summen, und diesmal geht es nicht um Radarschirme oder Funksprüche. Diesmal geht es um Wälder, die man betritt wie ein Museum — und bezahlt wie ein Theater. Bayern hat begriffen, dass der Wald nicht mehr nur Wald ist. Er ist Bühne, und der Eintritt kostet.
Nehmen wir den Märchenwald im Isartal, oben in Oberbayern. Ein Druck auf den Knopf, und Hänsel erzählt seine Geschichte. Ein Druck, und der Froschkönig hüpft. Zweihundertsechzig Figuren, die sich bewegen, weil irgendwo ein Mechaniker einen Hebel gezogen hat und ein Draht gespannt ist. Mehr als zwanzig Märchen, dazu eine kleine Bahn, eine Hochschaubahn für die, die Nervenkitzel brauchen. Alles für zwanzig Euro pro Erwachsenem, achtzehn für Kinder, sofern sie die magische Grenze von fünfundachtzig Zentimetern überschritten haben. Die ganz Kleinen schauen umsonst zu, solange sie unter dem Maßstab bleiben. Geöffnet ist acht Tage vor Ostern bis zum dritten Sonntag im Oktober. Danach ist Feierabend im Wunderland. Der Wald schweigt bis zur nächsten Saison, das Kassenpersonal geht heim, die Maschinen stehen still.
Etwas weiter westlich, zwischen Schongau und Peiting, steht der nächste Märchenwald — diesmal mit Tierpark. Ziegen, Schafe, und Nandus, diese seltsamen südamerikanischen Laufvögel, die in keine bayerische Sage gehören und trotzdem dort herumlaufen, als hätten sie immer schon dazugehört. Eine kleine Eisenbahn dampft durchs Gelände, ein Erlebniswald lädt zum Klettern, Spielplätze warten am Rand, und die Gebrüder Grimm liefern die Geschichten, die hier mechanisch zum Leben erweckt werden. Zwölfeinhalb Euro zahlt, wer zwischen sechs und sechzig ist. Neuneinhalb für Kinder zwischen zwei und fünf Jahren. Ganzjährig geöffnet, denn wer einmal ein Kassenhäuschen hat, gibt es nicht mehr her. Die Kasse kennt keinen Winterschlaf.
Wieder Oberbayern, diesmal Marquartstein. Hier wird gefahren, was Räder und Schienen hat. Eine Sommerrodelbahn, eine Trethochbahn — man stellt sich einen Wettlauf schwitzender Kinder auf Tretfahrzeugen vor, den die Betreiber schelmisch „Schneckenrennen" getauft haben. Hennen-Rennen, Pony-Derby. Im Streichelzoo warten Schafe, Ziegen, Wollschweine, Rot- und Damwild auf Hände, die streicheln wollen. Achtzehn Euro achtzig ab vierzehn Jahren, sechzehn Euro vierzig für die Kleineren, sofern sie die neunzig-Zentimeter-Marke reißen. Auch hier: ganzjährig. Schnee hin oder her — die Kasse rollt.
Dann der Süden, das Allgäu, der Baumkronenweg Ziegelwies bei Füssen. Hier wird der Wald nicht mehr erzählt, hier wird er betreten — und zwar in der Luft. Vierhundertachtzig Meter Länge, einundzwanzig Meter Höhe. Man läuft auf Holzstegen durch die Kronen, blickt hinab auf den Lech, der unten tost, und irgendwann steht man über einer Linie, die auf der Karte eingezeichnet ist, auf dem Steg aber unsichtbar bleibt: die deutsch-österreichische Grenze. Zwei Länder unter einem Dach, getrennt von nichts als einem Schritt. Die beste Aussicht hat man auf Neuschwanstein, zehn Autominuten entfernt. König Ludwigs Welt, fest in Stein gemeißelt — während hier oben alles aus Holz, Stahl und Drahtseilen zusammengefügt ist. Ein moderner Bau, der den alten nachahmt, beide überdauert vom selben Bergwind.
Hier liegt der Trick, und hier höre ich die Frequenz, die andere überhören. Die zweihundertsechzig Figuren im Isartal arbeiten nicht von selbst. Jede Bewegung ist Mechanik, jeder Knopf ein Schalter, jeder Lautsprecher eine kleine Anlage, die jemand warten muss. Die Sommerrodelbahn in Marquartstein ist Technik — Schienen, Bremsen, Antrieb. Der Baumkronenweg ist Statik — Holz, das tragen muss, was Holz nicht tragen sollte, einundzwanzig Meter über dem Auwald. Das alles sind keine Märchen. Das sind Maschinen, verkleidet als Romantik, eingebettet in Tannenduft.
Die Frage ist immer dieselbe. Wer verdient daran? Die Betreiber der Parks, die Gemeinden, deren Steueraufkommen sich mehrt, die Hoteliers und Gastwirte im Umkreis, die Pensionen und Ausflugslokale, die von den Besucherströmen leben. Wer kontrolliert es? Jene, die das Eintrittsgeld einstreichen und die Saison bestimmen — wer öffnet, wer schließt, wer das Personal einstellt und wer die Mechanik hinter den Knöpfen am Laufen hält. Wer zahlt den Preis? Die Eltern, die ihren Kindern ein Erlebnis kaufen, das halb echt und halb inszeniert ist. Und die Kinder, die den Unterschied noch nicht kennen. Für sie ist der Froschkönig lebendig, die Eisenbahn echt, der Blick über die Grenze ein Abenteuer. Sie ahnen nicht, dass die Drähte, die all das bewegen, an einer Steckdose hängen, die irgendjemand bezahlt.
Märchenwald, Tierpark, Baumkrone. Bayern hat den Wald in Scheiben geschnitten und jede einzelne bepreist. Wer hinauf will, muss zahlen. Wer hinunterschaut, sieht den Lech rauschen und die Grenze verlaufen. Beides fließt — das Wasser, und das Geld.