Das Trikot von Évian und der Rauch von Kyjiw
Man kann sich die Welt als Bühne vorstellen, und man kann sie als Schachbrett vorstellen. Beides ist dasselbe, nur die Beleuchtung ist verschieden. Am Genfer See, dort wo einst die Verträge geschrieben und nicht gehalten wurden, hat Emmanuel Macron wieder einmal zur großen Geste geladen: Tausende Sicherheitskräfte, Staats- und Regierungschefs, Kameras, das volle Ballett der Macht, vor der Alpenkulisse aufgeführt wie ein Bühnenbild aus der Zeit, als Europa noch glaubte, es inszeniere sich selbst. Doch die Inszenierung ist diesmal von eigentümlicher Art. Denn das eigentliche Subjekt dieser Aufführung nimmt sie nicht einmal zur Kenntnis.
Donald Trump sitzt am runden Tisch, der Kanzler Friedrich Merz steht schräg hinter ihm mit einem in Papier gewickelten Hemd. Es ist ein Trikot der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, in Schwarz-Rot-Gold, und auf seiner Rückseite steht: Trump. 47. Achtzig Jahre alt, am Sonntag gefeiert, der siebenundvierzigste Präsident, und derzeit Gastgeber einer Weltmeisterschaft, die er für seine Zwecke zu nutzen versteht wie andere die Kavallerie. Merz braucht zwei Anläufe, weil sich der Beschenkte im ersten Moment schon wieder dem Tischgeschehen zuwendet, als sei das Geschenk eine Zwischenmeldung aus einem Land, das man höflich zur Kenntnis nimmt und dann beiseitelegt. Der Händedruck fällt knapp aus. Das Trikot wird in die Kameras gehalten, dann zusammengefaltet neben das Wasserglas gelegt. Mehr nicht. Es ist die Geste eines Mannes, der zu verstehen gibt, was er von solchen Gesten hält: Sie sind ihm recht, solange sie nichts kosten.
Ich kenne diese Geste. Ich habe sie in Genf gesehen, in Lausanne, in jenen Sälen, in denen die Wände so dick sind wie das Papier, auf dem man seine Zusagen gibt. Ein Trikot, ein Lächeln, ein Handschlag – das ist die alte Sprache der Vasallen, und sie wird gesprochen, weil man sich nicht mehr traut, die eigene zu erheben. Wolfgang Kubicki, der neue Vorsitzende der FDP, hat es ausgesprochen, mit der Schärfe eines Mannes, der nichts mehr zu verlieren hat: Wer sich in Koalitionsverhandlungen von Saskia Esken über den Tisch ziehen lasse, von dem sei auch keine durchdachte und konsistente außenpolitische Strategie zu erwarten; einem erratisch wirkenden Präsidenten mit ebenso erratischen Signalen zwischen Belehrung und Anbiederung zu begegnen, stärke weder die Glaubwürdigkeit noch den Einfluss in der Welt. Man könnte es auch einfacher sagen: Wer zu Hause nicht stehen kann, fällt im Ausland auf die Knie. Es ist die alte Wahrheit, und sie wird nicht dadurch weniger wahr, dass man sie nicht ausspricht.
Während in Évian das Trikot überreicht wird, brennt in Kyjiw das Höhlenkloster. Bei einem russischen Angriff am Montag ist die berühmte Hauptkirche in Flammen aufgegangen – jenes Heiligtum, in dem die Gebeine der Heiligen liegen und die Erinnerung an eine Zeit bewahrt wird, die älter ist als alle Kriege, die um dieses Land geführt wurden. Es ist ein konzentrierter Hinweis, den da jemand schickt, und er geht nicht an Kyjiw allein. Er geht an jene, die am zweiten Gipfeltag über Frieden und Sicherheit für die Ukraine und Europa sprechen wollen, über die Bedingungen für künftige Verhandlungen, über Territorium, über die Ordnung, die nach dem Sturm herrschen soll. Die Europäer zahlen inzwischen fast die gesamte neue militärische Unterstützung der Ukraine. Dennoch hat Trump die diplomatischen Bemühungen monopolisiert. Er ist derjenige, der anruft, der einlädt, der verhandelt, der den Zeitpunkt bestimmt. Macron, Merz und der britische Premier Keir Starmer wollen Europas Rolle stärken – ein frommer Wunsch, formuliert in der Sprache derer, die wissen, dass sie eingeladen werden müssen, um überhaupt mitspielen zu dürfen. Der Krieg dauert bereits länger als der Erste Weltkrieg, und niemand kann sagen, er habe ihn nicht kommen sehen. Und so lädt Macron den Gast im Anschluss nach Versailles ein, offiziell zum Dinner anlässlich des zweihundertfünfzigsten Jubiläums der Vereinigten Staaten, in Wahrheit aber, um die gestörten transatlantischen Beziehungen wieder zu kitten, die unter dem Irankrieg und dem, was folgte, gelitten haben. Versailles. Immer wieder Versailles. Die Franzosen haben ein Faible für die symbolischen Räume der Macht, für jene Säle, in denen Geschichte gemacht wurde, bevor sie anderswo vollendet werden musste. Es wird auch diesmal nicht anders sein.
Während die Kameras das Trikot einfangen, hat im Hintergrund bereits ein anderes Stück begonnen. Die USA und Iran haben sich auf die erste Stufe eines Deals geeinigt, ein Memorandum of Understanding wurde sogar schon digital signiert, der Text soll demnächst veröffentlicht werden, am Freitag soll in Genf die feierliche Unterzeichnung folgen. Donald Trump gibt den Friedensstifter im Nahen Osten, nachdem er dort einen Krieg angezettelt hat – eine Volte, die nur jenen überrascht, die ihn nicht kennen. Wer den Mann beobachtet, weiß: Es gibt bei ihm keine Linie, die nicht verhandelbar wäre, und keine Bühne, die nicht zugleich die nächste ist. Benjamin Netanyahu, der Verlierer des Irankriegs, besucht im April die Truppen im Südlibanon und lächelt für die Kameras, wie Männer lächeln, wenn sie wissen, dass das, was sie sagen, in einem anderen Raum verhandelt wird. Es ist das alte Spiel. Es wird in diesen Räumen gespielt, seit ich denken kann, und es wird weiter gespielt werden, lange nachdem wir alle nicht mehr auf der Bühne stehen.
In Genf, das nur einen Steinwurf von Évian entfernt liegt, ist man unterdessen sauer. Man hat den Ärger mit dem Anreiseverkehr und den Demonstranten, und Frankreich beteiligt sich nicht an den Kosten. Ein Detail, gewiss, aber es gehört zu jenen Details, an denen man die Hierarchie ablesen kann. Wer zahlt, schweigt. Wer nicht zahlt, beschwert sich. So war es 1937, so wird es sein.
Es ist kein bilaterales Gespräch zwischen Trump und Merz geplant auf diesem Gipfel, der noch bis Mittwoch dauert. Trump hat solche Zweiergespräche mit anderen Regierungschefs vorgesehen, nicht aber mit dem Kanzler jenes Landes, das die größte Volkswirtschaft Europas führt und die Hauptlast der ukrainischen Unterstützung trägt. Merz wird also warten, am Rande stehen mit seinem Trikot, in der Hoffnung, dass man ihn zur Kenntnis nimmt. Es ist die Pose des Mannes, der glaubt, durch Sichtbarkeit an Bedeutung zu gewinnen. Er irrt. Bedeutung wird nicht geschenkt. Sie wird genommen, oder sie wird errungen. Wer ein Trikot überreicht, hat bereits kapituliert – in der Sprache der Höflichkeit, gewiss, aber doch so, dass es alle im Raum verstehen, auch jene, die so tun, als verstünden sie es nicht.
Manchmal denke ich, die Welt hat sich nie verändert. Die Kleider sind andere, die Kameras sind andere, die Männer sind andere – aber die Bewegungen sind dieselben. Einer steht, einer sitzt. Einer überreicht, einer nimmt entgegen. Einer zahlt, einer empfängt. Einer schweigt, einer spricht. Das Memorandum wird unterzeichnet, das Kloster brennt, das Trikot wird zusammengefaltet. Und am Ende wird irgendein Text auf irgendeinem Tisch liegen, der besagt, man habe sich geeinigt. Die Sprache der Macht ist die Sprache der Höflichkeit. Man muss nur lange genug zugehört haben, um zu wissen, wann sie aufhört.