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Offene Frequenz aus Brüssel — Europas Quellcode-Souveränität

19. Juni 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

Die Drähte summen. In Brüssel hat man diese Woche einen neuen Sender in Betrieb genommen — auf einer Frequenz, die bislang eher im Hintergrund rauschte. Die EU-Kommission hat ihre erste umfassende Open-Source-Strategie vorgelegt, eingebettet in ein größeres Paket zur digitalen Souveränität. Wer bisher glaubte, offene Software sei das Hobby einiger Idealisten, sollte jetzt nachsitzen.

Eine Frau, die an den Drähten sitzt, hat 1937 nichts zu suchen. Ich sitze trotzdem. Und ich höre zu.

Digitalkommissarin Henna Virkkunen sprach Klartext. „Es ist Zeit, dass wir das nutzen, was wir in Europa haben, um die Kontrolle über unsere gewünschte Zukunft zu erlangen." Drei Millionen Menschen arbeiten nach offiziellen Angaben in Europa an offenen Projekten. Fünfhundert Firmen verdienen damit ihr Geld. Gleichzeitig fließen 260 Milliarden Euro im Jahr an nichteuropäische Anbieter — für digitale Produkte und Dienste, die häufig auf Code basieren, den europäische Entwicklerinnen und Entwickler selbst geschrieben haben. Der Gewinn landet anderswo.

Das ist der Kern. Die Kommission will die Wertschöpfung im eigenen Kontinent halten. Die neue Strategie deckt die gesamte Kette ab: Forschung und Entwicklung, Markteinführung, Einsatz in Behörden, langfristige Wartung, Steuerung kritischer Komponenten. Konkret genannt werden zwei Milliarden Euro über sieben Jahre, ein Wartungsinstrument für kritische Infrastrukturen und das Ziel von dreißig Millionen Nutzenden offener Kollaborationstools bis 2030.

Letzteres klingt nach Beschäftigungstherapie für Amtsstuben. In Wahrheit ist es ein industriepolitisches Signal. Wenn Verwaltungen ihre Dokumente, Tabellen, Chats auf offener Software führen, entsteht Nachfrage. Nachfrage schafft Markt. Markt schafft Abhängigkeit — diesmal innerhalb Europas, so hofft man in Brüssel.

Die Reaktion fällt ungewohnt euphorisch aus. OpenForum Europe, eine Denkfabrik, die selten Grund zum Feiern hat, spricht von einem „definierenden Moment". Das Open Ireland Network zeigt sich ebenfalls angetan — nicht wegen der Summe, sondern wegen der Rahmung: Zum ersten Mal, so die Organisation, positioniere die Kommission offene Software als Grundlage eines europäischen Technologie-Stacks, nicht länger als preiswerte Alternative für klamme Kassen.

Doch. Wer genauer hinhört, hört das Rauschen im Hintergrund. Die neue Strategie ist rechtlich nicht bindend. Was zählt, ist die anstehende Reform des EU-Vergaberechts. Erst wenn öffentliche Auftraggeber offene Software tatsächlich bevorzugen müssen, wird aus dem Signal ein Befehl. Bis dahin bleibt es ein Versprechen auf Sendepause.

Ich sage es, wie es auf dem Draht liegt: Open Source ist kein Geschenk. Es ist ein Werkzeug. Es gehört denen, die es warten, denen, die es lesen können, und denen, die entscheiden, welche Abhängigkeiten eine Stadt, ein Krankenhaus, ein Wahlsystem eingeht. Brüssel hat verstanden, dass Souveränität im einundzwanzigsten Jahrhundert nicht an Grenzpfählen hängt, sondern an Repositorien. Das ist gut.

Aber: Wer zahlt den Preis, wenn die Wartung an Stiftungen ausgelagert wird, an Konsortien in Helsinki, Zürich, Tallinn, die niemandem Rechenschaft schulden? Wer kontrolliert die Pflege einer Software, die in Atomkraftwerken läuft, in Sozialämtern, in der Justiz? Wer finanziert die Sicherheitsaudits, die Patches, die langen Nächte, in denen ein Maintainer einen Fehler in einer Bibliothek sucht, auf der halb Europa sitzt? Brüssel nennt Zahlen. Es nennt keine Empfänger. Die Strategie legt die Frequenz frei, aber sie bestimmt nicht, wer am Ende das Mikrofon hält.

Mein Büro riecht heute nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Die alten Empfänger stehen noch in der Ecke — Röhren, Skalen, das leise Ticken der Quarze. Ich übersetze zwischen den Zeiten. Damals wie heute gilt: Wer die Frequenz besitzt, besitzt die Botschaft. Brüssel hat eine Frequenz angemeldet. Die spannende Frage ist nicht, ob Europa sendet — sondern wer am Ende zuhört und wer die Lizenz bekommt.

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