Öl fällt, Hoffnung steigt — wem nützt der Frieden?
Die Drähte summen heute Nacht anders. Irgendwo zwischen London und Washington fließt Tinte in Strömen — Tinte der Sorte, die Börsen bewegt. Das schwarze Gold, diese zähe Flüssigkeit, die Kriege schürt und Imperien mästet, ist billiger geworden. Billig genug, dass die Herren in den Nadelstreifenanzügen wieder lächeln.
Brent-Rohöl, das Barometer der Welt, fiel gestern unter 86 Dollar pro Fass. Der niedrigste Stand seit März, seit jenen Tagen, als der Iran-Krieg die Öl- und Gasleitungen des Nahen Ostens zuschnürte wie eine Garotte. Danach erholte sich der Preis leicht auf etwas über 87 Dollar. Die Märkte atmeten auf wie Ertrinkende, die endlich die Oberfläche sehen.
Zur Erinnerung, für jene, die in den letzten Monaten unter einem Felsen lebten: Vor dem Krieg kostete das Fass 72 Dollar. Im April, als die Bomben fielen und die Lieferketten ächzten, kletterte der Preis auf 126 Dollar. Eine Verdoppelung. Eine Kriegssteuer, gezahlt an der Zapfsäule, im Heizungskeller, an der Börse. Öl und Gas aus dem Nahen Osten, diese Adern der Weltwirtschaft, waren abgeschnürt. Das Wachstum verlangsamte sich. Die Inflation loderte.
Was ist passiert? Ein Memorandum. Ein Stück Papier zwischen den USA und dem Iran. Ein Friedensvertrag, der noch keiner ist, aber schon die Phantasie der Spekulanten beflügelt. Donald Trump, dieser Mann der großen Gesten und kleinen Sätze, hat erneut verkündet: Der Deal ist nah. Die Börsen glaubten es. Wieder einmal.
Der FTSE 100, dieses feine britische Barometer, schoss um 1,6 Prozent in die Höhe — 167,8 Punkte. Stand bei 10.471,7. Der deutsche Dax und der französische Cac 40 kletterten um beinahe zwei Prozent. In Amerika stiegen die Kurse ebenfalls. Die Anleihemärkte sendeten parallel ein Signal: Die Renditen für zehnjährige britische Gilts fielen unter 4,8 Prozent — der niedrigste Stand seit dem 20. April. Frieden, so scheint es, ist eine Währung, und sie wird gehandelt, lange bevor sie ausgegeben wird.
Dan Coatsworth, Chef der Märkte bei AJ Bell, brachte es auf den Punkt: Die Anleger seien in gehobener Stimmung gewesen, als die Hoffnung auf ein Abkommen zwischen den USA und dem Iran wieder auflebte — nachdem sie Anfang der Woche vom Tisch gefegt worden war. Das Sprichwort „Einmal gebissen, zweimal scheu" werde offenbar nicht angewandt, wenn es um Trumps Ankündigungen gehe. Die Märkte, diese geduldigen Tiere, vergessen schnell. Oder sie haben ein kurzes Gedächtnis. Oder sie haben nie eins besessen.
Aber hören wir genauer hin, hinter die Fassade der steigenden Kurse. Wer profitiert, wenn das Öl billiger wird? Die Autofahrer, die Pendler, die Heizölkunden. Die Industrien, die Petrochemie verarbeiten. Die Fluggesellschaften, deren Kerosinrechnungen schrumpfen. Die Logistikketten, die wieder normal atmen. Die Konsumenten, deren Wagenkorb mehr trägt.
Und wer zahlt? Die Ölstaaten, deren Budgets auf 100 Dollar pro Fass kalkuliert waren. Russland, Venezuela, die Golfmonarchien. Die Rüstungsindustrie, die vom Krieg lebte. Die Geheimdienste, deren Budgets an Spannungen hängen wie Parasiten am Wirt. Die Friedensverhinderer in den Denkfabriken, die jetzt neue Feinde suchen müssen.
Die Inflation, dieser launische Geist, der seit Monaten durch die Volkswirtschaften geistert, könnte sich tatsächlich beruhigen. Niedrigere Energieprekte bedeuten niedrigere Transportkosten, niedrigere Produktionskosten, niedrigere Preise in den Regalen. Die Zentralbanken könnten ihre Zinsen senken. Die Käufer atmen auf. Die Sparer nicht — ihre Guthaben werfen weniger ab.
Aber ich bin eine Telegraphistin. Ich übersetze Signale, keine Wünsche. Und das Signal, das ich heute höre, hat einen Beigeschmack von Pulverdampf und ungedeckten Schecks. Die Hoffnung auf einen Deal hat die Märkte schon mehrfach enttäuscht. Diesmal, so heißt es, ist es anders. Diesmal gibt es ein Memorandum. Ein Stück Papier. Wie viel ist ein Stück Papier wert, das zwischen verfeindeten Mächten hin- und hergeschoben wird? Die Geschichte gibt Auskunft. Meistens nicht zugunsten des Papiers.
Ich sitze hier in meinem Büro, der Lötzinn dampft noch von der letzten Reparatur, der Kaffee ist kalt wie die Gleichgültigkeit der Mächte. Die Frequenzen sind voll. Alle sprechen vom Frieden. Niemand fragt, was er kostet — und wer die Rechnung bekommt, wenn er platzt.
Für jene, die nicht hören: Das Öl ist gefallen. Die Kurse sind gestiegen. Die Hoffnung ist zurück. Und morgen früh, wenn die Sonne über der Themse aufgeht, werden wir sehen, ob aus Hoffnung Substanz wird — oder ob wir wieder einmal dem großen Bluff aufgesessen sind.
Die Drähte summen weiter. Ich bleibe dran.