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Verantwortung für Europa — nur nicht für Frankreich

19. Juni 2026 — — — Kastner

Es gibt Sätze, die klingen wie Türen, die sich öffnen. In Wahrheit sind sie Schlösser, die zugeschlagen werden. Als Boris Pistorius, Verteidigungsminister einer Bundesrepublik, die sich neuerdings „Verantwortung für Europa" auf die Fahnen schreibt, seine erste Militärstrategie vorstellte, hätte man in Paris zwei Dinge erwarten dürfen: eine gemeinsame Pressekonferenz mit dem französischen Amtskollegen, und zumindest den Namen jenes Landes, mit dem man seit sechs Jahrzehnten das nukleare, konventionelle und vor allem imaginäre Gleichgewicht Europas teilt. Beides blieb aus. Das Dokument erwähnt Frankreich nicht. Es erwähnt Polen nicht. Es erwähnt, soweit man weiß, selbst jene baltischen Staaten nur am Rande, die sich in Umfragen zu 48 Prozent dafür aussprechen, von deutschen Panzern beschützt zu werden.

Man darf das ein Symptom nennen. Man darf es auch eine Diagnose nennen.

Fünfsternegeneräle sprechen normalerweise nicht in den Senat, um ihre Sorge vor dem Nachbarn zu artikulieren. Fabien Mandon hat es getan. Seine Worte waren höflich, seine Botschaft nicht: Es sei zutiefst beunruhigend, dass Frankreich in der neuen Militärstrategie Deutschlands nicht vorkomme. Fünf Jahre, rechnete er vor, dann falle Frankreich in jenem Bereich zurück, in dem es bislang dominierte. Die Zahlen, die er vor Augen hatte, sind nüchtern und brutal: Bis 2029 will Berlin den Verteidigungshaushalt auf mindestens 150 Milliarden Euro heben — ungefähr doppelt soviel wie das, was Paris auszugeben plant. Friedrich Merz hat angekündigt, die Bundeswehr solle zur stärksten konventionellen Armee Europas werden, die Truppenstärke bis 2035 um vierzig Prozent. Das ist, diplomatisch formuliert, ein Anspruch. Und Ansprüche werden in Mitteleuropa auf eine bestimmte Art vorgetragen: leise, mit geradem Rücken, immer mit dem Hinweis auf die eigene Friedfertigkeit.

Das Kampfflugzeug FCAS war einmal das Symbol dieser Partnerschaft. Deutschland, Frankreich, Spanien — eine sechste Generation, gemeinsam entwickelt, ein Versprechen auf Augenhöhe. Es ist geplatzt, nicht im Streit, sondern in der Stille. Acht deutsche Rüstungsunternehmen legten, kaum dass Dassault die Trennung bekanntgeben musste, einen eigenen Entwurf vor. Rein national, versteht sich. Die Berliner Kommunikation dazu war, gelinde gesagt, unglücklich. Man habe nicht einmal eine gemeinsame Abschiedserklärung zustandegebracht. So endet eine Verlobung im 21. Jahrhundert: ohne Telegramm, mit Pressemitteilung.

Hinter dem Vorhang freilich spielt sich anderes ab. Da ist Rheinmetall, das keinen Juniorpartner mehr duldet. Da ist die alte Arbeitsteilung: Frankreich trug die militärische Last als einzige Atommacht der Europäischen Union, mit Auslandseinsätzen, mit Erfahrung, mit dem Nimbus des strategischen Handelns. Deutschland steuerte die wirtschaftliche Stärke bei. Eine stille Übereinkunft. Sie funktionierte, solange beide Seiten wussten, was sie nicht waren. Paris wusste, dass es nicht die wirtschaftliche Lokomotive war. Berlin wusste, dass es nicht die militärische Macht war. Dieses Wissen schwindet. Was bleibt, ist die nackte Zahl, und nackte Zahlen haben in der Geschichte selten höflich reagiert.

Emmanuel Macron hat, man erinnert sich, eine „Koalition der Willigen" geschmiedet, gemeinsam mit den Briten, für die Ukraine. Eine Formation, die im Falle eines Waffenstillstands eingreifen sollte. Deutschland trat bei, zögerte aber bei der Bereitstellung von Bodentruppen. In französischen Offiziersmessen wird das nicht vergessen. „Sie sind absolut nicht bereit, Kriegführung ohne Amerika neu zu denken", sagt einer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Man teilt die Diagnose in Paris inzwischen offener mit London als mit Berlin. Das ist neu. Das ist, wenn man die Geschichte kennt, sehr neu.

Die Populisten in Frankreich — Marine Le Pen, Jordan Bardella — haben nicht unrecht, wenn sie sagen, auf Deutschland sei als militärischer Bündnispartner kein Verlass. Es ist die falsche Schlussfolgerung aus einer richtigen Beobachtung, und gerade deshalb ist sie so gefährlich. Denn die Beobachtung selbst wird mittlerweile von Fünfsternegenerälen geteilt, was die Sache von der politischen Peripherie in die Mitte der Republik spült. Wer in Paris heute vor deutscher Dominanz warnt, muss sich nicht mehr am Rand aufhalten.

Man kann das alles als Verhandlungsmasse deuten. Man kann es als unvermeidliche Begleiterscheinung einer Zeitenwende lesen, die jeder wollte und niemand vollständig durchdacht hat. Man kann auch, und das ist die ehrlichere Lesart, darin den Anfang jener Dynamik erkennen, die Europa in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zweimal an den Rand der Selbstzerstörung brachte: ein Land, das wirtschaftlich aufholt, das aufrüstet, das seine Strategiepapiere schreibt, ohne den Namen des Nachbarn zu nennen, und ein anderes, das zuschaut und sich fragt, ob das Gleichgewicht noch gilt.

Die Handschuhe, die Madame bei solchen Gelegenheiten trägt, sind nicht nur eine Frage des Stils. Sie schützen die Hände vor dem, was kommen könnte. In Berlin tippt man derzeit ohne Handschuhe. Das Dokument heißt: Verantwortung. Für Europa. Nur nicht für Frankreich.

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