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Die Mechanik der Enteignung

20. Juni 2026 — — — Kastner

Man nennt es Verstaatlichung. Ein Wort, das nach Vernunft klingt, nach gemeinsamer Sache, nach einer Korrektur, die das Gleichgewicht wiederherstellt. In Wahrheit ist es etwas anderes: Es ist die Übersetzung von Not in Recht, von Geldmangel in Befugnis, von der Schwäche eines Staates in die Anklageschrift eines Mannes, der zu groß geworden ist, um noch geduldet zu werden.

Wadim Moschkowitsch, 58 Jahre alt, Gründer des Agrarkonzerns Rusagro, Platz einundfünfzig der russischen Forbes-Liste, sitzt seit dem vergangenen März in Untersuchungshaft. Nun hat der Kreml sein Vermögen eingezogen — 550 Milliarden Rubel, umgerechnet etwa 7,6 Milliarden Dollar. Maxim Bassow, der ehemalige Rusagro-Chef, wurde ebenfalls festgenommen. Das Exilmedium Moscow Times spricht, so heißt es, von der größten Beschlagnahme der jüngsten Verstaatlichungswelle.

Doch die Superlative sind hier das Falsche. Denn was hier geschieht, ist nicht außergewöhnlich, sondern beispielhaft. Es ist die Anwendung einer Mechanik, die sich inzwischen selbst durchschaut hat. Man erkennt sie an der Regelmäßigkeit, mit der sie zuschlägt, und an der Kälte, mit der sie ihre Fälle wählt.

Die Reihe liest sich wie das Inventar eines Landes, das sich selbst aufkauft. Oleg Kan, 4,3 Milliarden Dollar. Der Moskauer Flughafen Domodedowo, 4,42 Milliarden. Juschtschuralzoloto, der Goldproduzent, geschätzt zwei Milliarden. Makfa, der Teigwarenhersteller, immerhin 1,38 Milliarden. Nimmt man dies und das, was nicht in den Zeitungen steht, zusammen, kommt man auf mehr als 6,5 Billionen Rubel — rund 90 Milliarden Dollar, die seit Beginn der großangelegten Invasion in der Ukraine aus privater Hand in die Staatskasse gewandert sind. Eine schöne Zahl. Eine, die nichts mehr besitzt außer sich selbst.

Es gibt eine Mechanik hinter diesen Zahlen, und sie ist nicht verborgen. Internationale Medien haben in den vergangenen Wochen darüber berichtet, wie die Staatsanwaltschaft zum Werkzeug der Enteignung wurde. Rund 19 Milliarden Dollar, so heißt es, sind im Zuge sogenannter Anti-Korruptions-Verfahren in den Staatshaushalt geflossen. Man nehme ein Wort, das nach Recht und Reinheit klingt, und verwende es als Schleier über etwas, das Korruption eher imitiert als bekämpft. Seit 2024 hat sich dieses Vorgehen deutlich intensiviert. Und wer zur Anklage gebracht wird, das ist die Logik der Sache, ist zumeist kein kleiner Mann. Es sind Geschäftsleute, die gleichzeitig politische Positionen innehatten — Männer, die zu nahe standen, um noch nützlich zu sein.

Diejenigen, die noch nicht an der Reihe waren, haben dies verstanden. Bloomberg berichtet von wachsender Nervosität in der Klasse der Milliardäre. Es habe, so heißt es, vermehrte Bemühungen gegeben, die eigene Loyalität zum Kreml offen zu demonstrieren — in der Hoffnung, das Vermögen so behalten zu können. Es ist die Geste des Dieners, der die Tür aufreißt, bevor der Herr den Mantel abnimmt. Sie nützt nicht immer. Sie zeigt nur, dass die Mechanik funktioniert.

Denn sie funktioniert, weil sie muss. Russlands Wirtschaft steht unter Druck, wie jeder weiß, der die letzten Jahre auch nur flüchtig betrachtet hat. Westliche Sanktionen, die Schwächung der Binnenkonjunktur, die Kosten eines Krieges, der nicht enden will — all das hinterlässt Spuren in einer Bilanz, die nicht mehr ausgeglichen ist. Und wenn das Geld fehlt, greift der Staat zu dem, was er am besten kennt: zu Befugnissen, die keine Rechte mehr kennen.

Was hier zu beobachten ist, ist nicht der Untergang eines einzelnen Mannes wie Moschkowitsch. Es ist die Verwandlung einer Ökonomie in ein Reservoir, in dem nichts mehr dem Eigentümer gehört, weil der Eigentümer jederzeit zum Angeklagten werden kann. Die Frage, wer als Nächster an der Reihe ist, lässt sich nicht beantworten. Aber sie lässt sich auch nicht vermeiden. Sie steht am Ende jedes Satzes, den man über die russische Wirtschaft dieser Tage schreibt.

Ich habe, in einem anderen Leben, in Genf Verträge gesehen, die nie eingehalten wurden. Ich habe Männern in die Augen geschaut, die lächelten, während sie logen. Was dort geschah, war noch von einer gewissen Förmlichkeit umgeben — von Ritus, von Handschlag, von der Erinnerung daran, dass Worte einmal gegolten haben. Hier, in dieser neuen Mechanik, gibt es nicht einmal mehr das. Es gibt nur noch die Zahl. Und die Zahl wächst.

Man trägt Handschuhe, wenn man solche Texte schreibt. Nicht aus Hygiene, sondern aus Anstand. Denn wer über Konfiszierungen schreibt, sollte den Staub nicht atmen, der aufgewirbelt wird.

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