Der Preis des einen Bisses
Yonkers, vierter Stock, elf Uhr neunundfünfzig. Ein zwölfjähriger Junge geht durch den Flur der Sonia Sotomayor Community School, einem Schulhaus, das nach einer Richterin benannt ist, die das Gesetz kannte und trotzdem an den Buchstaben glaubte. Jacob Medina ist in der sechsten Klasse, und er hat einen Donut in der Hand. Vielleicht hat er ihn selbst gekauft. Vielleicht war es ein Fundraiser, einer jener kleinen Mechanismen, mit denen Schulen sich finanzieren und Schüler sich zugehörig fühlen. Das ist einer der Sätze, die später in den Akten stehen werden, und niemand wird sich erinnern, wer ihn zuerst formuliert hat.
Dann beginnt er zu würgen.
Ein Erwachsener ist bei ihm. Das hat Superintendent Anibal Soler Jr. gesagt, und er hat es zweimal gesagt, weil zweimal gesagt in diesen Tagen schon nach Verantwortung klingt. Innerhalb von zehn Sekunden, sagt er, seien weitere Erwachsene dazugekommen, um lebensrettende Maßnahmen einzuleiten. Zehn Sekunden. Man stelle sich das vor: zehn Sekunden, in denen Erwachsene tun, was Erwachsene tun sollen, und es nicht reicht. Jacob Medina wird in das St. Joseph's Hospital gebracht. Von dort kommt er nicht zurück.
Zwölf Jahre. Der Polizeichef von Yonkers, Christopher Sapienza, kündigt Ermittlungen an. Ob der Tod mit dem zusammenhängt, was auf TikTok als „One Bite"-Challenge kursiert — jener kleine, glänzende Mechanismus, bei dem junge Menschen versuchen, so viel wie möglich in einen einzigen Bissen zu zwingen —, werde man prüfen. Die Schule, betont Soler, sei nicht sicher, dass die Challenge beteiligt war. Man untersuche auch die Krankengeschichte. Allergien. Das klingt vernünftig. Das klingt nach Akten, nach Verfahren, nach der beruhigenden Sprache der Zuständigkeit.
Aber vernünftig ist in diesem Fall das falsche Wort.
Denn was im vierten Stock geschah, ist nicht bloß ein Unglück. Es ist die Endabrechnung einer Maschine, die wir seit Jahren füttern, ohne hinzusehen. TikTok ist, so sagen es diejenigen, die sich auskennen, ein Nährboden für Falschbehauptungen und KI-Fakes. Jugendliche zwischen sechzehn und neunzehn, die im Pilotprojekt „Salon5 FaktenChecker" lernen, Desinformation von Information zu unterscheiden, gehen zurück auf dieselbe Plattform, von der das Gift kommt, und erklären ihresgleichen, woran man Manipulation erkennt. Sie tun es mit Bildschirmaufnahmen, mit Screenshots, mit Quellenangaben — als sei Sorgfalt eine Waffe. Fünf von ihnen haben die Ausbildung bereits durchlaufen, eine zweite Runde beginnt im Juni. Sie messen sich an einer Maschine, die sie nicht gebaut haben und nicht besitzen, und sie tun es trotzdem.
CORRECTIV hat ein Faktenforum gegründet, eine Art digitales Tribunal, in dem sich mittlerweile rund zweitausendachthundert registrierte Mitglieder melden, sammeln, recherchieren. Es ist eine Gegenstimme im Konzert der schnellen Bissen. Es ist langsam, fast altmodisch, beinahe europäisch in seiner Pedanterie. Und es ist vermutlich der einzige Ort im Internet, an dem ein Donut wieder das ist, was er war: Gebäck.
Jacob Medina wird nicht mehr erleben, was diese Jugendlichen lernen. Am Abend stellen Familienangehörige Kerzen und Blumen vor dem Schulhaus auf. Man werde sich an ihn erinnern, sagt Soler, als einen Jungen, der Energie gewesen sei, Freude, ein helles Licht im Gebäude. Das sind die Worte, die Superintendenten sagen, wenn sie nichts mehr sagen können. Sie klingen aufrichtig, und sie sind es wahrscheinlich auch, und trotzdem wiegen sie nichts gegen das Gewicht von zehn Sekunden auf einem Flur.
Man wird ermitteln. Man wird prüfen, ob es die Challenge war. Man wird vielleicht nie erfahren, ob Jacob den Donut ganz hinunterschlucken wollte, um irgendwo gesehen zu werden, um ein Video zu werden, um für einen Moment Teil einer Maschine zu sein, die Aufmerksamkeit in Devisen umrechnet — oder ob er einfach nur Hunger hatte und das Fundraiser unterstützen wollte. Die Maschine braucht es nicht zu wissen. Sie produziert weiter. Sie produziert Bisse, und sie produziert Särge, und sie produziert die kleinen erklärenden Artikel, in denen wir einander versichern, dass wir uns kümmern.
In Genf habe ich einmal einen Vertrag gelesen, der die Würde des Menschen feierlich bekräftigte. Er war schön gesetzt, mit Initialen in dunkler Tinte, und die Männer, die ihn unterzeichneten, lächelten. Ich habe damals verstanden, dass ein Lächeln vor einem Vertrag das Gegenteil von Wahrheit sein kann. Heute, in Yonkers, im vierten Stock, elf Uhr neunundfünfzig, sehe ich denselben Mechanismus in einem Donut. Es gibt keine Unterschrift darunter. Es gibt nur den Algorithmus, der weiterläuft, und ein Kind, das nicht mehr aufsteht.
Plattformen sprechen nicht. Sie schlucken. Sie schlucken Bissen, Daten, Aufmerksamkeit, und manchmal, wenn man genau hinhört, klingt es wie ein Würgen. Aber es ist nur das Internet. Es macht weiter. Es macht immer weiter.
Vera Kastner schreibt für die Terminal Tribune aus einem Zürich, das es nur noch in der Erinnerung gibt.