← Zurück zur Titelseite Politik

Zwei Prozent und die Architektur der Ausflucht

20. Juni 2026 — — — Kastner

In Genf, das sage ich Ihnen, lernt man zwei Dinge: wie ein Vertrag aussieht, und wie er zerbricht. Man sieht die Hände, die unterschreiben, und wie dieselben Hände später die Bedingungen neu verhandeln — mit einer Miene, als hätten sie das Papier nie berührt. Schnieder hat diese Schule nicht besucht, aber er beherrscht das Spiel. Nur dass auf seinem Spieltisch keine Landkarte eines zerfallenden Kontinents liegt, sondern die Verspätungsstatistik der Deutschen Bahn, und er spielt nicht um Grenzen, sondern um zwei Prozent.

Zwei Prozent, wohlgemerkt. Evelin Palla, die Chefin des Staatskonzerns, hat dreizehn Milliarden Euro gefordert, um das Pünktlichkeitsziel von siebzig Prozent bis 2029 zu erreichen. Schnieder lehnt ab. Er sagt, es gebe kleine, schnelle Maßnahmen im Betriebsablauf, die eine Steigerung um bis zu zwei Prozent ermöglichen würden. Eine Zahl wie ein Almosen, ausgestreut von jemandem, der das Vermögen im Nebenraum kennt.

Man muss ihm zugutehalten, dass er den Satz, der ihm die Wahrheit abrang, selbst gesprochen hat: »Das entbindet uns nicht davon, mächtig zu investieren, aber es entbindet auch die Bahn nicht davon, betriebliche Abläufe zu optimieren.« Es ist der Satz eines Mannes, der zwei Türen gleichzeitig offenhalten will. Dass die Infrastruktur für achtzig bis neunzig Prozent der Verspätungen verantwortlich sei, bezweifelt der Minister. Er bezweifelt sie nicht aus Überzeugung, sondern aus Gewohnheit. Wer regiert, bezweifelt die Zahlen, die ihn teuer zu stehen kämen.

Dass er den Zustand der Bahn selbst einmal als »demokratiegefährdend« bezeichnet hat, steht noch in den Akten. Es war ein anderes Wort, in einem anderen Licht. Später, wenn die Beamten die Akten sortieren, wird der Satz leiser, dann ist er nur noch ein Zitat, das man anführen kann, wenn man jemanden ärgern möchte.

Nehmen wir den Tankrabatt. Achtzig Millionen Euro im Monat, sagt Schnieder, das sei auf Dauer nicht durchhaltbar. Da hat er recht. Man müsse die Preisentwicklung genau beobachten, sagt er, und falls nötig »zielgerichtet arbeiten«. »Zielgerichtet« — ein Wort, das in keinem Wörterbuch der Ökonomie steht, das aber in jedem Ministerium seinen festen Platz hat.

Was den Iran betrifft, so warnt der Minister vor Panikmache. Deutschland verfüge über eine Kerosinreserve, die für drei bis vier Monate ausreiche. Genug Zeit, um die Sommerferien zu überstehen, aber nicht genug für einen Winter, der nach allen Erfahrungen ein wenig länger dauert als er sollte. Ein Land, das seine Kerosinreserve zählt wie eine sparsame Hausfrau ihre Vorräte, und ein Minister, der erklärt, warum die Lage nicht so schlimm sei.

Mein Kollege Ralf Neukirch hat Pallas Forderung mit den Lock-E-Mails nigerianischer Trickbetrüger verglichen, die hohe Belohnungen für die Hilfe bei der Auslösung großer Erbschaften versprechen. Ein hübscher Vergleich, ein wenig zu hübsch vielleicht, denn hier geht es nicht um Erbschaften, sondern um ein Schienennetz, das älter ist als die Bundesrepublik. Aber er hat recht: Die Mechanik der Forderung ist dieselbe. Man verspricht eine große Belohnung in der Zukunft, damit jemand in der Gegenwart unterschreibt.

Ich sitze in einem Café am Bahnhof, während ich das schreibe, und trage Handschuhe, obwohl es nicht kalt ist. Auf dem Schild gegenüber fährt gerade ein Zug nach Frankfurt mit neunundvierzig Minuten Verspätung ein — eine kleine Zahl, fast schon eine Höflichkeit. Eine Frau im Mantel schaut auf die Anzeige, dann auf ihre Uhr, dann wieder auf die Anzeige. Sie hat wahrscheinlich aufgehört, etwas zu sagen.

Schnieder ist kein schlechter Mann. Er sitzt in einer Maschine, die er nicht gebaut hat, und tut, was Männer in Maschinen tun: Er dreht an den Knöpfen, die ihm zur Verfügung stehen, und vermeidet die Knöpfe, die er nicht drücken darf. Er fordert die Bahn zu Optimierungen auf, während er erklärt, dass mächtig investiert werden müsse — in dieser Reihenfolge, denn wer zuerst fordert, hat recht. In Genf würde man sagen: Er ist ein guter Verhandlungspartner. In Berlin sagt man: Er ist ein Politiker. Das ist dasselbe, nur mit anderen Handschuhen.

Es wird keinen Aufstand geben. Die Züge werden weiterhin verspätet sein, mit einer Beständigkeit, die an ein Ritual erinnert. Irgendwann wird jemand dreizehn Milliarden bewilligen, oder zwölf, oder fünfzehn, und man wird eine Pressekonferenz abhalten, auf der gesagt wird, dies sei der Durchbruch. Es wird keinen geben, der aufspringt und sagt: Aber die Weiche in Wuppertal war doch schon 2019 kaputt. Es wird keinen Spatenstich geben, der nicht fotografiert wird.

Was bleibt, ist die Zahl. Zwei Prozent. Kein Versprechen, ein Mosaiksteinchen in einem Bild, das niemand zu Ende legt. Schnieder weiß das, Palla weiß das, und der Mann am Bahnsteig in Köln um fünf Uhr morgens weiß es auch. Die Anzeige flackert. Die Züge kommen, irgendwann, oder sie kommen nicht.

In Genf hätte man einen Vertrag darüber geschrieben. Hier schreibt man eine Pressemitteilung. Der Unterschied: In Genf unterschreibt wenigstens noch jemand.

✦ Ende des Artikels ✦
← Zurück zur Titelseite